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10.1.1863: Erste U-Bahn der Welt
850 Pfund Sterling hatten die Kassierer der Londoner Underground am Abend des 10. Januar 1863 eingenommen. In langen Schlangen standen die Engländer an diesem Tag um Tickets an. Sie alle wollten bei der Jungfernfahrt der weltweit ersten Untergrundbahn dabei sein.

Die erste U-Bahn der Welt war aus der Not geboren. Die Londoner Innenstadt war Anfang des 19. Jahrhunderts von Kutschen und Karossen heillos verstopft, von Pferden gezogene Doppeldecker kamen nur im Schritttempo voran. Der Vater der Londoner U-Bahn, Charles Pearson, entwickelte dabei die Vision einer Doppeldeckerstadt. Er sagte: Entweder müsse ein Teil des Verkehrs auf Stelzen über den Straßen hoch oben in der Luft verkehren oder eben im Dunklen, tief unter dem Pflaster.

Bahn im Kellergeschoss

Londons Stadtväter entschieden sich letztendlich für die technisch problematischere Variante einer Untergrundbahn, nicht zuletzt wohl aus städtebaulich-ästhetischen Gründen. 100 Jahre nach der feierlichen Eröffnung der ersten U-Bahn-Linie am 10. Januar 1863 erinnert ein hoher Funktionär der Londoner Underground an die Pläne Pearsons: "Die Eisenbahn würde zwischen zwei Häuserreihen verlaufen. Dabei schlug er vor, eine geräumige und freundliche Straße von etwa 22 Meter Breite und zigtausend Meter Länge zu konstruieren. Die Bahn würde dann sozusagen im Kellergeschoss verlaufen, überbrückt, direkt unter dem Pflaster liegen."

Abriss ganzer Straßenzüge

Eine Eisenbahn "direkt unter dem Pflaster" - das war leichter gesagt als getan. Und damit schlug die Stunde von Chefingenieur Sir John Fowler. Für die erste U-Bahn der Welt ließ er 3.500 Arbeiter ganze Straßenzüge von Hütten und Häusern abreißen. Etwa 12.000 Menschen aus den meist ärmeren Schichten verloren ihr Dach über dem Kopf. Wie es weiter ging mit dem U-Bahn Bau Mitte des 19. Jahrhunderts erklärt ein britischer Ingenieur so: "Sie heben einen Graben aus und überdachen ihn mit einem Tunnel aus Ziegelstein." Das Röhrensystem ist möglich geworden, weil unter London eine dicke Schicht von zähem Lehm existiert. Während ausgeschachtet wird, hält sich die Röhre eine gewisse Zeit ohne zusammenzubrechen. Diese sogenannte Schildvorbaumethode ist eine britische Erfindung."

Meisterleistung britischer Ingenieurskunst

Auch der Betrieb der "Underground" selbst war eine Meisterleistung britischer Ingenieurskunst. In der vorelektrischen Ära wurden die unterirdisch verkehrenden Züge mit Dampf angetrieben. Doch wohin mit den Abgasen? Sir John Fowler sattelte Sonderkessel auf die Züge, in denen der giftige Qualm so lange gefangen wurde, bis die Bahn wieder das Tageslicht erblickte.

Der "Observer" vom 12. Januar 1863: "Trotz der generell exzellenten Belüftung gab es schon die ersten unangenehmen Wirkungen für einige der Bediensteten der Untergrundbahn, die mehrere Stunden gearbeitet hatten. Zwei Männer waren so stark von der verpesteten Luft beeinträchtigt, dass sie sofort in das Hospital gebracht werden mussten. Man muss leider sagen, dass die Belüftungsanlagen noch nicht vollkommen installiert sind. Passagiere müssen also mit außergewöhnlichen Belastungen rechnen."

Aus diesem Grund verläuft die erste U-Bahn nicht völlig unterirdisch. Immer wieder gibt es Strecken, wo das Gleisbett zwar tiefer liegt, aber unter freiem Himmel. Nach 1890, als die Elektrizität entwickelt wurde, war es möglich, Züge erheblich tiefer verlaufen zu lassen, weil die Entlüftung nicht mehr nötig war.

Die "Tube" kommt regelmäßig

Die Londoner schlossen ihre "Tube", die Röhre, schnell ins Herz. Schon bald gab es auch einen regelmäßigen Fahrplan für die 6,5 Kilometer lange Verbindung - zwischen sechs und acht Uhr morgens verkehrte die U-Bahn im Halbstundenrhythmus zwischen Paddington und der City, danach im 15-Minutentakt. In der ersten Klasse kostete der Trip sechs Pence, in der zweiten vier Pence, und in der dritten Klasse musste man drei Pence bezahlen.

Nachdem Pearson und Fowler am 10. Januar 1863 bewiesen hatten, dass der Bau und Betrieb einer Untergrundbahn klappt, ging es Schlag auf Schlag. Schon zwei Jahre später wurde ein Fußgängertunnel unter der Themse von der U-Bahn genutzt, Ende des 19. Jahrhunderts war die Metropole im Zuge der Elektrifizierung von einem dichten Schienennetz durchzogen.

Pendeln zwischen Stadt und Land wird möglich

Bald wurden die Schienen auch auf das Land hinaus verlegt: Im Zentrum arbeiten, in der gesunden Luft vor der Stadt leben - das ist der Fortschritt des frühen 20. Jahrhunderts. Rund um London entstehen Hunderttausende neue Häuser für die Pendler - "Metroland" nennen die U-Bahn Passagiere diese Wohngebiete.

Andere Metropolen zogen nach. Budapest, Paris und Berlin profitierten vom Pioniergeist der Inselbewohner.


Autorin: Gerda Gericke
   
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