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20.8.1940: Attentat auf Trotzki
"Piero", die Feder, war sein Name in der Verbannung, Janowski nannte er sich bei der Gründung des ersten Sowjetrates 1905, man bezeichnete ihn auch als den "Jungen Adler". Geboren wurde er am 7. November 1879 aber als Leo Dawidowitsch Bronstein.

In der Schule in Odessa ist er in den Fächern Mathematik und Literatur sowie Deutsch und Französisch Klassenbester. Durch Zufall gerät der angehende Mathematikstudent dann mit der Politik in Kontakt.

Frühsommer 1896: In Sankt Petersburg treten rund 30.000 Arbeiter in den Ausstand. Nicht der damals gerade von Lenin gegründete Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse hatte sie dazu motiviert, sondern schlicht und ergreifend der pure Hunger, die katastrophalen sozialen Zustände. Leo Bronstein, ausgestattet mit dem Idealismus eines 17-jährigen, ist beeindruckt von den Berichten über den Streik.

Er gründet den Südrussischen Arbeiterbund. Studenten und Schüler bemühen sich literarisch um die Bildung der Arbeiter, verfassen Flugblätter, Aufrufe und kleine Bildungsschriften. Der Geheimdienst des Zaren braucht immerhin zwei Jahre, bis er auf die Aktivitäten des Bundes aufmerksam wird und verhaftet im Januar 1898 den Propagandisten Leo Bronstein.

Fortan sind die Seiten klar. Der angehende Revolutionär gegen das alte System. In der Verbannung im Sommer 1902 liest Leo Bronstein erstmals eine Schrift von Lenin, die Broschüre "Was tun?". Bronstein weiß, was er zu tun hat: Flucht! Unter Stroh und Bast versteckt gelangt er auf einem Bauernwagen nach Irkutsk - dort haben Freunde einen falschen Pass vorbereitet. Aus Leo Bronstein wird Leo Trotzki, es ist der Name eines früheren Gefängniswärters, der Bronstein gerade einfällt und den er in das Dokument einträgt.

Es folgt die erste Begegnung mit Lenin im Oktober 1902. Freundschaft entwickeln die beiden nicht zueinander. In den nachfolgenden Jahren ist es eher eine Zweckgemeinschaft, bisweilen sogar Feindschaft, die die beiden trennt und trotzdem verbindet. Trotzki ist der weitsichtigere, der intelligentere von beiden Revolutionären.

1917: Russland im Chaos. Trotzki spürt die Gunst der Stunde. Er organisiert, er plant die Revolution. In der Nacht zum 7. November, Trotzkis 38. Geburtstag, besetzen zu allem entschlossene Stoßtrupps die Bahnhöfe, die Brücken, die Staatsbank und andere wichtige Gebäude in Petrograd. Gegen Mittag erklärt Trotzki im Namen des Militärischen Revolutionskomitees die Regierung für abgesetzt.

Eine unblutige Revolution; Schrecken und Gräuel folgten erst nach und nach. Trotzki wird neuer Außenminister der Regierung der Volkskommissare. Mit der Einstellung ehemaliger zaristischer Offiziere in die von ihm gegründete Rote Armee zieht er sich den Zorn des obersten politischen Kommissars der zehnten Armee zu: Josef Stalin. Systematisch arbeitet dieser gegen ihn, intrigiert, streut Gerüchte. Eine Fehlentscheidung Stalins führt dann zur Niederlage im Krieg gegen Polen 1920. Trotzki benennt den Schuldigen Stalin, und dieser vergisst das nicht.

Acht Jahre später beginnt sein Rachefeldzug. Nach dem Tode Lenins reißt der Generalsekretär Stalin systematisch die Macht an sich. Trotzki wird erst nach Sibirien verbannt und 1929 in die Türkei ausgewiesen. Dann geht es nach Frankreich. Dort wird ihm der "Selbstmord" seiner zweiten Tochter gemeldet. Seine beiden Schwiegersöhne werden nach Sibirien deportiert; deren vier Kinder verschwinden spurlos.

Am Ende dieser Rache Stalins steht schließlich Trotzki selber. Ramon del Rio Mercader erschleicht sich unter dem Namen Frank Jacson das Vertrauen der gut abgeschirmt lebenden Familie Trotzki im mexikanischen Asyl. Sie ahnen nicht, dass er im Auftrag Stalins steht.

20. August 1940: Jacson kommt am Nachmittag auf Besuch und dann, kurz nach 18 Uhr, ein furchtbarer Schrei! Die Leibwächter und die Polizei stürmen in das Arbeitszimmer. Trotzki liegt blutüberströmt am Boden, lebt noch, stirbt aber einen Tag später. Jacson wird überwältigt. Nach 20 Jahren wird er aus der Haft entlassen und soll Jahre später friedlich in Belgien gestorben sein. Seine Spur verliert sich in der Geschichte, in der Geschichte des Mannes, der als Leo Dawidowitsch Bronstein geboren wurde und als Leo Trotzki starb.

Autor: Jens Teschke
   
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