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18.8.1960: Erste Antibaby-Pille auf dem Markt
"Lustgewinn, Liebe, Müdigkeit, Sex, Thrombosegefahr, Erotik, Krebsrisiko, Migräne, Übelkeit, Sinnlichkeit. Die Pille - Engelsgesicht mit Teufelshörnern. Geliebt und gehasst."

"Ein historischer Tag und ein gewaltiger Schritt nach vorn." - Das schrieb die Zeitschrift "Der Stern" damals, als die so genannte Antibabypille auf den deutschen Markt kam. Die Pille, ein Medikament, das einen Sturm auslöste wie kein anderes. Ein Medikament, das viele Frauen und Männer damals veränderte.

Angefangen hat alles Anfang der 1950er Jahre. Die Frauenrechtlerin Margaret Sanger, die sich in den USA leidenschaftlich für die Geburtenkontrolle einsetzte, tat sich mit der Millionenerbin Katherine Mc Cormick zusammen: Kaum hatten die beiden Frauen die Bühne betreten, übernahmen sie die Regie.

Sie übergaben den männlichen Wissenschaftlern, die bei der Entwicklung die Hauptrolle spielten, buchstäblich den Auftrag, ein oral anwendbares Verhütungsmittel zu finden oder herzustellen. Was die Frauen sich erwarteten, war eine Pille wie Aspirin, die preisgünstig, einfach anwendbar und in unbegrenzter Menge vorhanden wäre.

Der Wissenschaftler der Stunde war Gregory Pincus. Er musste geheim arbeiten, denn Verhütungsmittel, beziehungsweise ihre Verbreitung und Herstellung waren in den USA offiziell bis 1965 verboten. Und so arbeitete Pincus unter dem Deckmäntelchen - mit dem neuen Medikament Menstruationsbeschwerden lindern zu wollen. Nach fünf Jahren Forschung war es dann soweit: Am 18. August 1960 kam das Präparat "Enovid-10" in den USA auf den Markt.

Ein Jahr später folgte Westdeutschland. Am 1. Juni 1961 brachte Schering "Anovlar" auf den Markt, kleine grüne Pillen, eine für jeden Tag. Und auf dem Beipackzettel stand - unter anderem: "Zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden."

Die empfängnisverhütende Wirkung wurde nur am Rande erwähnt. Sex zu dieser Zeit war Tabu - erlaubt war gerade mal die Missionarsstellung mit dem Ziel, Kinder zu zeugen. Und nun - plötzlich - diese Wunderpille; es drohten keine ungewollten Schwangerschaften mehr, Sexualität bekam plötzlich einen anderen Sinn.

Bis Mitte der 1960er war die Pille ein Geheimtipp, danach explodierte die Nachfrage. Die Pharma-Industrie machte Milliardengeschäfte mit den kleinen runden Pillen, die Männer fürchteten die Entfesselung ihrer bislang treuen Frauen. Höhepunkt waren die späten 1960er Jahre - sexuelle Befreiung, Studenten und Frauenbewegung, Woodstock, Auflehnung gegen die Gesellschaft.

Doch plötzlich Wolken am Himmel der sexuellen Befreiung, denn die Pillen haben auch negative Eigenschaften, zum Beispiel schwere Nebenwirkungen. Die Frauen werden skeptisch. Carl Djerassi, Chemie-Professor an der Standfort Universität in Kalifornien und eigentlicher Entwickler des Pillenhormons meint:

Djerassi: "Es gibt kein optimales Kontrazeptivum, wird es nie geben. Das ist meiner Meinung nach eine Unmöglichkeit, denn etwas Ideales ist nur ideal für eine Person zu einer gewissen Zeit."

Zwar wird die Dosis der Hormone, also die Östrogene und Gestagene, von Jahr zu Jahr und von Pille zu Pille reduziert - trotzdem haben die Frauen mit Migräne, Übelkeit oder Gewichtszunahme zu kämpfen und sind durch Schlagzeilen wie diese verunsichert: "Wissenschaftliche Studien zeigen - Pille erzeugt Krebs." "Wissenschaftliche Studien zeigen - die Pille schützt vor Krebs" "Forscher vermuten - erhöhte Thrombosegefahr durch die Pille" "Forscher konnten nachweisen - keine Thrombosegefahr - außer für Raucherinnen ab 35."

Es folgen Minipille, Mikropille, die Pille danach, ein Pillenpflaster. Nur eine Pille fehlt auf dem Markt, die Pille für den Mann. An ihr wird geforscht, eigentlich gibt es sie schon - aber niemand, vor allem die Pharma- Industrie interessiert sich dafür.

Carl Djerassi: "Warum ist die pharmazeutische Industrie nicht daran interessiert? Weil es kein gutes Geschäft ist. Die Frage, die jeder Mann stellen wird, ist, was für einen Effekt könnte die Substanz auf meine sexuelle Potenz haben. Das ist ganz klar, dass das die erste Frage sein wird."

Wenn also die Pille für den Mann verhüten würde, gleichzeitig aber die Wirkung von Viagra hätte, dann wäre sie vermutlich schon längst zu haben, und die Männer wären weniger scheu.

Autorin: Judith Hartl
   
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