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20.8.1968: Sowjetische Truppen in Prag
Radio Prag: "Gestern gegen 23.00 Uhr haben Truppen der Sowjetunion, der polnischen Volksrepublik, der DDR, Ungarn und Bulgarien die Grenzen der Tschechoslowakei übertreten."

Ein Traum ist zerschlagen - binnen weniger Stunden überrollen 7000 Panzer die Grenzen. Es ist die längste Nacht der CSSR. Der Traum von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", bekannt in aller Welt als "Prager Frühling", ist ausgeträumt. Unter dem Reformer Alexander Dubcek haben 14 Millionen Tschechen und Slowaken mehr Demokratie verwirklicht, vor allem Presse- und Meinungsfreiheit. Jedoch der Alleingang unter den sozialistischen Bruderstaaten versetzt den Kreml in Alarmstimmung. "Das ist eindeutig eine Konterrevolution" - Moskau reagiert militärisch.

Noch in der gleichen Nacht werden Parteichef Dubcek und seine Genossen verschleppt, Präsident Svoboda unter Arrest gestellt. Militärkolonnen rasseln durch die Straßen. Die Menschen wehren sich mit bloßen Händen, werfen Steine, diskutieren mutig mit den Soldaten - vergeblich. Panzer dröhnen über die Karlsbrücke, die Soldaten schießen - noch - in die Luft.

Doch die Besatzer drehen bald durch und schießen in die Menge. Menschen sterben unter den Salven der Maschinengewehre. Unfassbar für die Menschen, dass auch Deutsche bei diesem Überfall dabei sind. Erinnerungen an 1939 werden wach, als Hitlers Truppen in die Tschechoslowakei einmarschierten.

Noch in den frühen Morgenstunden rechtfertigt Radio DDR die Invasion: "Im Interesse ihrer Sicherheit, im Interesse der Völker und des Weltfriedens konnten und durften die Sozialistischen Bruderländer nicht zulassen, dass die CSSR aus der Gemeinschaft der Sozialistischen Staaten herausgebrochen wird. In dem die Regierungen unserer Länder dem dringendem Hilfeersuchen der CSSR-Patrioten unverzüglich Folge leisten, geben sie ein leuchtenden Beispiel des sozialistischen Internationalismus."

Für die jüdische Künstlerin Lisa Scheuer, die bereits 1939 vor den Deutschen flüchtete, Auschwitz überlebte, ein unfassbarer Vorgang: "In der Nacht zum 21. August, wie ich da gehört habe durch mein kleines Radio, dass die Warschauer-Pakt-Mächte die Grenzen überschritten haben, da habe ich eine derartige Panik bekommen, dass ich nur weg wollte, weg, weg."

Zwei Tage nach der Invasion fliegt Präsident Svoboda nach Moskau, auch Dubcek, bis dahin verschollen, ist dort. Vier Tage später kehren sie in das besetzte Prag zurück - geschlagen.

Christian am Ende, Korrespondent in Prag, meldet die ersten verzweifelten Sätze Dubceks: "Mit Tränen erstickter Stimme und langen Pausen erklärt Parteisekretär Dubcek: 'Ich finde nur sehr schwer Worte des Dankes für die hohe Moral, die diese Bevölkerung bewiesen hat. Was wir in Moskau aushandelten, war nicht von unserem Willen abhängig.' Dubcek fuhr mit der traurigen Mitteilung fort, dass die Truppen jetzt außerhalb der Stadt konzentriert würden. Moskau habe den sukzessiven Abzug der Einheiten des Warschauer-Pakt vom Gebiet der CSSR zugesagt."

Die Bilanz der militärischen Operation: 72 Tote, 200 Schwerverletzte. Am 28. August erklärt Alexander Dubcek die endgültige Kapitulation und versucht in seiner Ansprache an die Bevölkerung dennoch keine Hoffnungslosigkeit aufkommen zu lassen:

Dubcek: "Unser politisches Leben ist an einer Kreuzung angelangt. Wir sind in einer Situation wo wir einen Ausweg suchen, wo wir uns entscheiden müssen. Die kommunistische Bewegung in der CSSR hat ihre Tradition. Wir können jetzt auf der Stelle treten, von einer Krise, von einem Chaos in das andere stürzen. Wir können uns aber auch entscheiden weiterzugehen und den einmal eingeschlagenen Weg, den die Partei bestimmt hat, oder aber wir überlassen die Führung verschiedenen Kräften, verschiedenen Strömungen. In jedem Fall aber müssen wir gründlich nachdenken über verschiedene Probleme in unserer heutigen Situation."

Das zynische Versprechen der Moskauer Führung, die Truppen und Panzer wieder abzuziehen, wurde 23 Jahre später eingelöst: Am 27. Mai 1991 verlässt der letzte russische Soldat die Tschechoslowakei.

Autorin: Doris Bulau
   
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