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30.11.1989: Herrhausen tot
Bad Homburg, 30. November 1989. Ein klirrend schöner Spätherbstmorgen, 8.30 Uhr. Dr. Alfred Herrhausen fuhr ins Büro. Um 8.34 Uhr wurde die gepanzerte, von Personenschützern eskortierte Limousine von einer Bombe in der Luft zerfetzt.

Dr. Alfred Herrhausen, 59 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, war alleiniger Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG, damals mit umgerechnet 150 Milliarden Euro Bilanzsumme, 1200 Geschäftsstellen und 250.000 Aktionären.

Lange Zeit tappten die Ermittler im Dunkeln - von den Tätern keine Spur. Zwar schickte die Rote Armee Fraktion (RAF), die Westdeutschland in den 1970er-Jahren mit einer Serie von terroristischen Anschlägen überzog, ein Bekennerschreiben:

"Am 30. November 1989 haben wir den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, hingerichtet. Durch die Geschichte der Deutschen Bank zieht sich die Blutspur zweier Weltkriege und millionenfacher Ausbeutung. Und in dieser Kontinuität regierte Herrhausen an der Spitze dieses Machtzentrums der Deutschen Wirtschaft. Er war der mächtigste Wirtschaftsführer in Europa."

Ein kleiner Lichtblick

Doch erst zwei Jahre nach dem Mord ein kleiner Lichtblick: Siegfried Nonne, ein drogensüchtiger ehemaliger Informant des hessischen Verfassungsschutzes, gestand seine Beteiligung am Anschlag und nannte dem damaligen Generalbundesanwalt Alexander von Stahl seine Auftraggeber von der Roten Armee Fraktion. Alexander von Stahl ließ verlautbaren: "Wir wissen jetzt definitiv, dass Andrea Klump und Christoph Seidler Täter im Falle Herrhausen waren und kennen die Vornamen und das Aussehen von zwei weiteren Tätern, die sich Stefan und Peter genannt haben."

Doch Nonne widerrief - und als der Gesuchte Christoph Seidler sich der Bundesanwaltschaft stellte, ließ ihn der Ermittlungsrichter mangels Beweise noch am selben Tag frei. Doch wer, wenn nicht die RAF, kam als Täter in Frage?

Gerüchte

Alfred Herrhausen, Sohn eines Vermessungstechnikers, erfolgreicher Hockeyspieler und Absolvent einer nationalsozialistischen Eliteschule, war erfolgreich und gefährlich. Noch drei Tage vor seinem gewaltsamen Tod kaufte Herrhausen für umgerechnet 1,8 Milliarden Euro die britische Investmentbank Morgan Grenfeld. In der internationalen Bankenwelt unbeliebt machte sich der Deutsche, indem er für einen Schuldenerlass für die ärmsten der armen Länder warb.

Alfred Herrhausen: "Der Grundsatz, in dem wir uns unterscheiden, manche Kollegen und ich, ist zu sehen in der Frage: Müssen wir jede Art von Schuldenerleichterungen kategorisch ausschließen aus unseren Überlegungen und Verhandlungen oder sollen wir sie auch als einen denkbaren Lösungsansatz in unsere Verhandlungen und Überlegungen einbeziehen. Ich bin der letzteren Meinung."

Damit machte sich Herrhausen keine Freunde. Aber Todfeinde in der internationalen Bankenwelt? Die Gerüchte schossen ins Kraut. Nahrung bekamen sie, weil kein anderes internationales Geldhaus seine an Entwicklungsländer ausgeliehenen Kredite so gut abgesichert hat wie die Deutsche Bank. Anders ausgedrückt: Die Deutsche Bank hätte den von Herrhausen geforderten teilweisen Schuldenerlass locker verkraftet; einige US-amerikanische Geldhäuser wären dagegen wohl zusammengebrochen.

Bis heute keine Aufklärung

Die Rote Armee Fraktion verhielt sich seit dem gescheiterten Anschlag auf den Bonner Finanzstaatssekretär Hans Tietmeyer im Herbst 1987 ruhig. Doch der westdeutsche Verfassungsschutz sprach von einer Ruhe vor dem Sturm. Er hielt ein kurz nach dem 30. November 1989 aufgetauchtes Bekennerschreiben für echt.

In den Wochen vor der Tat wiesen abgefangene Kassiber und Meldungen von Verbindungsleuten auf neue Anschläge hin. Alfred Herrhausen galt den Sicherheitsbehörden als die Nummer Eins der gefährdeten Personen. All das spricht für einen terroristischen Anschlag. Gefasst wurden die Mörder Alfred Herrhausens bis heute gleichwohl nicht.

Autorin: Gerda Gericke
   
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