26.2.1948: Offizieller Abschluss der Entnazifizierung
"Alle Mitglieder der nazistischen Partei, welche mehr als nominell an ihrer Tätigkeit teilgenommen haben, sind aus den öffentlichen und halböffentlichen Ämtern und verantwortungsvollen Posten in wichtigen Privatunternehmen zu entfernen."

So lautete der sogenannte Entnazifizierungsbeschluss, den die Alliierten noch im Zweiten Weltkrieg gefasst hatten. Ein Beschluss, der wenig Chancen auf Realisierung hatte, meint der Historiker Dr. Clemens Vollnhals vom Hannah-Arendt-Institut der Uni Dresden.

Dr. Clemens Vollnhals: "Angesichts der Menge - es gab ja bei Kriegsende etwa sechs Millionen Parteimitglieder im sogenannten Altreich und weitere Millionen, die irgendeiner der vielen NS-Organisationen angehört hatten - war das sicherlich keine realistische Vorstellung. Aber was sollte man auch insgesamt machen, wenn Sie bedenken, dass eben Millionen von Deutschen dem Nationalsozialismus nachgelaufen sind, bis zum bitteren Ende teilweise an ihn geglaubt haben. Man konnte die Bevölkerung nicht einfach austauschen."

Im ganzen Land kam es zunächst zu Massenverhaftungen, im Westen wurde später ein bürokratisches Inquisitionsverfahren entworfen: Per Fragebogen wurde jeder Deutsche über 18 nach Leben, Beruf und politische Betätigung befragt. Über drei Millionen Untersuchungen wurden eingeleitet, die Verdächtigen in fünf Kategorien - von Kategorie Eins "Hauptschuldige" bis Kategorie Fünf "Entlastete" - eingeteilt.

Die Mehrzahl der untersuchten Fälle wurde in die vierte Kategorie "Mitläufer" eingeordnet. Ausgestattet mit so einem "Persilschein" kehrte die Mehrzahl der zunächst Entlassenen in ihre Stellungen zurück. Ein Austausch der Eliten hat im Westen nicht stattgefunden, anders war dies in der sowjetisch besetzten Zone.

Dr. Clemens Vollnhals: "Ein wesentlicher Unterschied ist sicherlich der, dass die großzügige spätere Rehabilitierung in den Westzonen, also die sogenannte Mitläuferfabrik, die bürokratische Kontinuität weitgehend wiederhergestellt hat, während wir in der Ostzone hier einen tiefen Bruch in der Verwaltung verzeichnen, eben durch diese politisch gewollte Umwälzung. In der sowjetischen Zone wählte man vor allem den Weg, im Bereich der inneren Verwaltung, der Justiz und der Polizei nahezu radikal von allen ehemaligen Parteimitgliedern zu säubern. Und in diesem Sinne war das Verfahren sicherlich erfolgreich, weil in die leergefegten Ämter Kommunisten nachrückten."

Für die Sowjetunion war die Entnazifizierung kein Selbstzweck sondern diente neben Bodenreform und Sozialisierung der Wirtschaft der strukturellen Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne des Kommunismus. Am 26. Februar 1948 erließ die Sowjetische Militär-Administration in Deutschland den Befehl Nr. 35, in dem der offizielle Abschluss der Entnazifizierung in ihrem Bereich verkündet wurde.

Dr. Clemens Vollnhals: "Ich denke, das muss man vor dem Hintergrund der bevorstehenden deutschen Teilung sehen, das war 1948 bereits klar absehbar, und die Entnazifizierung war in allen Besatzungszonen sehr unpopulär geworden, und ihr Abbruch sollte nun der Integration des Millionenheeres ehemaliger Nationalsozialisten und dem schnellen Wiederaufbau der sowjetischen Zone, respektive der künftigen DDR dienen."

Die Westzonen folgten dem sowjetischen Vorbild relativ rasch, so dass auch hier das Jahr 1948 das vorzeitige Ende der Verfahren brachte. Ein Vorgang, der vor allem den schwerer Belasteten zugute kam:

Dr. Clemens Vollnhals: "Die deutschen Spruchkammern haben sich zuerst auf die leichten Fälle konzentriert, um bereits Entlassene wieder in die Arbeit zu bringen, und man hat die schweren Fälle zurückgestellt. Und 1948 dann beim überstürzten Abbruch der Entnazifizierung auch in den Westzonen sind diese schweren Fälle, weil das Verfahren nun mittlerweile sich verbraucht hatte, unpopulär geworden war, oft in den Genuss völlig unangebrachter Milde und Nachsicht gekommen, insofern hat diese Kritik schon einen realen Punkt."

Autorin: Rachel Gessat
 
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