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3.4.1922: Stalin Generalsekretär der KPdSU
Kaum ein Politiker hat seine Macht so unbemerkt ausgebaut wie Josef Stalin. Anfang des Jahres 1922 kennt ihn kaum ein Russe, doch Stalin hat bereits vier Ämter und sitzt in allen wichtigen Gremien der Kommunistischen Partei. Lenin geht der Aufbau der Sowjetbürokratie zu schleppend voran, vier Jahre nach der Revolution stören ihn Reibungsverluste zwischen den zahlreichen Funktionären. Lenin schlägt dem Politbüro der Partei die Wahl eines Generalsekretärs vor. Stalin kandidiert als einziger, erzählt die Berliner Historikerin Jutta Petersdorf:

"Zu dem damaligen Zeitpunkt war der Generalsekretär einer, der sich mit sehr unangenehmer Schreibarbeit, mit der Organisation, mit dem Funktionieren des Apparats zu beschäftigen hatte. Und die bekannten und führenden Bolschewiki der damaligen Zeit sahen das als eine sehr unangenehme Aufgabe an. Es hätte sich niemand gedrängt von ihnen, die Leitung des Sekretariats zu übernehmen, sich also in die Position eines Generalsekretärs zu bringen."

Und so wird Stalin am 3. April 1922 gewählt. Beschlüsse und Anträge des Politbüros, Tagesordnungen, die Verwaltung der Mitglieder - alles läuft über seinen Schreibtisch. Stalin wird zur Schnittstelle zwischen Parteiführung und Mitgliedern. Lenin ist dem eifrigen Stalin dankbar. Auch die anderen Mitglieder des Politbüros sehen in Stalins Generalsekretariat zunächst keine Konkurrenz.

Petersdorf: "Sie alle fühlten sich ja als große Theoretiker und als politisch denkende Menschen und meinten, Stalin reiche da nicht ran. Er hat zwar mal was Interessantes über die Nationalitäten geschrieben, aber die Köpfe, die die gesellschaftliche Ideen mit sich herumtragen, sind immer andere als Stalin gewesen."

Sie verkennen den schleichenden Machtzuwachs Stalins. Zwei Monate nach Stalins Wahl erleidet Lenin seinen ersten Schlaganfall. Stalin erarbeitet im Auftrag der Partei eine neue Verfassung, welche die Föderation der sozialistischen Republiken stärker an Moskau binden soll. Sein Handeln gegenüber den nichtrussischen Völkern ist grob. In seinem Herkunftsland Georgien unterdrückt er den Wunsch, die nationale Identität in einem Gesamtstaat zu erhalten. Der kranke Lenin bekommt nur Stalins Versionen zu hören.

Petersdorf: "Er ist derjenige gewesen, der für die Dauer der Krankheit Lenins den unmittelbaren Zugang hatte, und ohne sein Wissen passierte nichts, was Lenin betraf."

Nach Lenins Genesung beschweren sich die Georgier bei ihm über Stalins grobes Vorgehen. Auch Trotzki kritisiert Stalin scharf und wirft ihm vor, die Parteiarbeit zu blockieren. Lenin kommen Zweifel. Er erleidet seinen zweiten Schlaganfall, von dem er sich ebenfalls erholt. Aus Angst vor einer Spaltung der Partei nach seinem Tod diktiert Lenin nun sein politisches Testament:

"Stalin ist zu grob. Und dieser Fehler, der in unserer Mitte und im Verkehr zwischen uns Kommunisten erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte und jemand anderen an diese Stelle zu setzen, der sich in jeder Hinsicht von dem Genossen Stalin nur durch einen Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, dass er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft ist."

Der alte Weggefährte erscheint Lenin inzwischen so gefährlich, dass er ihn öffentlich vor dem Parteikongress anklagen will. Doch dazu kommt es nicht mehr. Von seinem vierten Schlaganfall erholt sich Lenin nie wieder. Stalin ist durch seine Funktion inzwischen unbemerkt zur zweiten Kraft in Russland aufgestiegen:

Petersdorf: "Dadurch dass Stalin schon wichtige Kontakte in der Hand hielt, konnte man sich über ihn gar nicht mehr hinwegsetzen. Er war drin, er war Bestandteil dieses engen Kreises. Und da er vieles ordnete und mit vielen vertraut war und der Generalsekretär der Partei war, die Entscheidungen, die getroffen werden mussten, waren für die Partei wichtig. Und so ist es zunächst die Kombination Stalin mit Sinowjew und Kamenjew, weil es darum geht, zunächst gegen Trotzki gemeinsam vorzugehen."

Das Trio beseitigt nach Lenins Tod Stalins schärfsten Kritiker, Leo Trotzki, aus der Partei. Später entledigt sich Stalin auch seiner beiden Helfer. Zu seinem fünfzigsten Geburtstag, fünf Jahre nach Lenins Tod, hat Stalin das Amt des Generalsekretärs endgültig zur ersten Funktion der Sowjetunion ausgebaut. 1941, kurz vor dem Einmarsch der Deutschen, ernennt sich Stalin zum Regierungschef und wird damit auch offiziell erster Mann im Staat.

Autor: Ralf Geißler
   
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