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13.3.1991: Honecker nach Moskau
Am 13. März 1991 befand sich der Deutsche Bundestag mitten in einer Haushaltsdebatte. Um 11.54 Uhr, so verzeichnet es das Protokoll, löste ein Versprecher des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl im Plenum allgemeine Heiterkeit aus. Kohl hatte den SPD-Oppositionsführer Hans-Jochen Vogel mit "Kollege Honecker" angesprochen.

Nur wenige wussten zu diesem Zeitpunkt, wo der Kanzler mit seinen Gedanken war: Helmut Kohl hatte eine knappe Stunde zuvor erfahren, dass die Sowjets den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden und Generalsekretär des ZK und dessen Frau vom sowjetischen Militärkrankenhaus in Beelitz bei Potsdam in ein Krankenhaus nach Moskau ausfliegen würden. Der sowjetische Botschafter Wladislaw Petrowitsch Terechow hatte im Kanzleramt betont, dass sich der Gesundheitszustand des 78-jährigen Erich Honecker sehr verschlechtert habe und die Sowjetunion aus humanitären Gründen handle.

Honecker selbst war ganz anderer Meinung. Er sei ein politischer Flüchtling, betonte er drei Monate später, als er in Moskau sein erstes Interview seit 1989 gab: "Wie Sie wissen, befinde ich mich gegenwärtig zum ersten Mal im politischen Asyl. Solange der Haftbefehl besteht, habe ich selbstverständlich nicht die Absicht, nach Deutschland zurückzukommen."

Haftbefehl und kein Einsehen

Es war ein Haftbefehl der Berliner Staatsanwaltschaft, der die Sowjets handeln ließ. Tagelang hatte eine Militärsondermaschine für den Abflug Honeckers bereitgestanden. Als das Berliner Kammergericht den Haftbefehl in höchster Instanz bestätigte, lief die Aktion an. Die Sowjets waren nicht daran interessiert, ihren ehemaligen Verbündeten auf der Anklagebank zu sehen. Denn gegen Honecker wurde wegen Totschlags ermittelt, begangen an DDR-Flüchtlingen, die an der innerdeutschen Grenze getötet worden waren - und schließlich hatte die Sowjetunion den Schießbefehl jahrzehntelang mitgetragen.

So bezog der krebskranke Honecker das geräumige Apartment 603 im Moskauer Mandrika-Prominenten-Krankenhaus und verfolgte mit Verbitterung die Entwicklungen im vereinigten Deutschland, er sagte: "Was sich da bei uns vollzogen hat mit diesem Wendebeschluss, das war der Übergang zur Gegenrevolution und zur Annexion der Deutschen Demokratischen Republik durch die Bundesrepublik Deutschland."

Keine Selbstzweifel, kein Schuldbewusstsein, kein Einsehen. Im Gegenteil: die Strafverfolgung ehemaliger SED-Spitzenfunktionäre und DDR-Grenzsoldaten durch die bundesdeutsche Justiz, so Honecker in einem mehr als siebenstündigen Interview Anfang Oktober 1991, halte er für blankes Unrecht. Den deutschen Journalisten präsentierte sich der mittlerweile 79-Jährige wie ein Staatsmann im politischen Exil: "Wenn alles nach meinem Willen gegangen wäre, dann würde die Deutsche Demokratische Republik heute noch bestehen."

Von Moskau nach Chile

Tat sie aber nicht, und die Bundesrepublik ließ nichts unversucht, Honecker nach Deutschland zurückzuholen. Zwar hatte der damalige Bundeskanzler Kohl die Abreise Honeckers am 13. März 1991 nicht verhindert, doch zu diesem Zeitpunkt schien es politisch nicht opportun, die Sowjets zu verstimmen. Immerhin war der "Zwei-plus-Vier-Vertrag", der Deutschland die volle Souveränität zuerkannte, vom Obersten Sowjet noch nicht ratifiziert. Das geschah erst, nachdem Erich Honecker in Moskau eingetroffen war. Am 15. März wurde der Vertrag dem deutschen Außenminister übergeben.

Von diesem Augenblick an wuchs der deutsche Druck auf Moskau. Doch erst am 16. November 1991 gaben die Sowjets nach. Das Ehepaar Honecker floh daraufhin in die chilenische Botschaft in Moskau, wo es bis zum 29. Juli 1992 blieb. Erst an diesem Tag kehrte Erich Honecker nach Deutschland zurück, seine Frau Margot reiste von Moskau zu ihrer Tochter Sonja nach Chile.

Die Berliner Justiz, die Erich Honecker als Racheengel bezeichnete, machte dem alten Mann schließlich den Prozess. Doch Honeckers Leberkrebs war mittlerweile so weit fortgeschritten, dass das Verfahren gegen ihn am 12. Januar 1993 eingestellt wurde. Einen Tag später flog auch Honecker nach Chile, wo er am 29. Mai 1994 im Alter von 81 Jahren starb.

Autorin: Sabine Kinkartz
   
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