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22.8.1991: Putsch im Kreml gescheitert
Es war die Zeit von Glasnost und Perestroika, Deutschland war schon ein Jahr wiedervereint, und das mächtige Sowjetreich wollte unter Michail Gorbatschow und Boris Jelzin den liberalen Kurs beibehalten.

Der Entwurf eines Unionsvertrages, mit dem die Beziehungen der Sowjetrepubliken zur Zentralmacht auf eine neue Grundlage gestellt werden sollten, war zur Unterzeichnung fertig. Am 20. August sollten ihn die Delegationen aus sechs Republiken im Georgs-Saal des Kremls unterschreiben. Präsident Gorbatschow sollte eine Rede halten.

Für den 21. August war die Sitzung des Förderationsrates anberaumt, um den Plan einer Beschleunigung der Reformen, Fragen der Lebensmittel- und Brennstoffversorgung, die Stabilisierung der Staatsfinanzen zu beraten.

Zwei Tage vor seinem Auftritt im Kreml bereitete Gorbatschow seine Rede auf seinem Feriensitz Kap Foros auf der Krim vor. Einen Tag später wollte er zurück nach Moskau fliegen. Doch es kam anders:

Sonntag, 18. August, am Nachmittag. Gorbatschow wird vom Chef seiner Leibwache darüber unterrichtet, dass eine Gruppe von Leuten eingetroffen sei, die ihn sprechen wollen. Gorbatschow will das überprüfen und stellt fest, dass sämtliche Telefonleitungen gekappt sind. Die fünf Eindringlinge, alles enge militärische und politische Mitarbeiter von Gorbatschow, erklären, sie kämen vom Notstandskomitee und fordern seinen Rücktritt.

Gorbatschow bleibt hart, weigert sich. Nachdem die Verschwörer auf ihr Ultimatum Gorbatschows ultimative Absage erhalten, werden er, seine Familie und auch die Leibwächter festgenommen, isoliert und unter psychischen Druck gesetzt. Der Feriensitz des Präsidenten ist von Militär umstellt. Gorbatschow erhält keinerlei Informationen mehr über das, was derweil in der Hauptstadt passiert.

Ein trüber Tag in Moskau: Endlose Panzerkolonnen rollen über die Straßen. Mehr als hunderttausend Menschen versammeln sich am 19. August vor dem russischen Parlament. Rufe hallen über den Platz: "Jelzin, Jelzin!". Er ist scheinbar der einzige, dem die Menschen vertrauen. "Russland, Russland" rufen sie immer und immer wieder.

Gerüchte über die Vorbereitung eines gewaltsamen Umsturzes zirkulierten schon etliche Monate. Immer wieder tauchten von Seiten der Rechten lancierte Presseberichte auf, häuften sich provokative Auftritte einiger Generäle, häufte sich Sabotage von Perestroika-Entscheidungen in der Partei und in staatlichen Einrichtungen.

Die Putschisten, sämtlich oberste Militärs, bedienen sich der Armee und wollen die Reformen mit Gewalt zurückdrängen. Ihr Ziel: die Rückkehr zum altstalinistischen Sowjetreich. Als erstes werden alle Bürgerrechte von dem so genannten Notstandskomitee aufgehoben.

Doch die Putschisten haben nicht mit dem massiven Widerstand der Moskowiter gerechnet. Hunderttausende bevölkern Tag und Nacht die Straßen Moskaus, stellen sich den Panzern entgegen, schützen das Parlamentgebäude. Die ersten Toten sind zu beklagen.

Immer mehr Soldaten wechseln auf die Seite der Reformer. Offiziere weigern sich, gegen das eigene Volk zu marschieren, ohne Rücksicht darauf, dass ihnen das Militärgericht droht. Boris Jelzin, damals der erste frei gewählte Präsident Russlands, geht auf die Straße. Auch er widersetzt sich mit körperlichem Einsatz den heranrückenden Militärs. Sein mutiges Eintreten für Demokratie und Freiheit zieht immer mehr Massen an.

Zudem haben sich die Putschisten gründlich verrechnet, was die qualitativ neuen Beziehungen zwischen der UdSSR und ihren westlichen Partnern betrifft. Zu Anfang gab es gewissen Unschlüssigkeiten bei der Bewertung des Putsches, aber bald schon brachte die erdrückende Mehrheit der ausländischen Regierungen, darunter führend die USA, der Junta ein entschiedenes "Nein" entgegen und wies jegliche Zusammenarbeit ab.

Der Putsch in der Sowjetunion scheitert nach zwei Tagen, die Truppen ziehen sich zurück. Mehr als 100.000 Demonstranten jubeln vor dem russischen Parlament in Moskau, als Boris Jelzin über Lautsprecher von der Flucht der Junta berichtet. Sie spenden der Nachricht tosenden Beifall.

Das Präsidium des sowjetischen Parlaments hebt alle Verfügungen der Junta auf und beschließt, dass Michael Gorbatschow als Staatspräsident amtiert. Er meldet sich von der Krim und teilt mit, er sei unversehrt. Noch am gleichen Abend fliegt er zurück in die Hauptstadt.

Boris Jelzin triumphiert als siegreicher Held über den Panzerkommunismus. Nicht nur für das russische Volk, sondern auch für die westliche Welt wird Jelzin Symbolfigur und Hoffnungsträger für eine neue Demokratie.

Autorin: Doris Bulau
   
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