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28.3.1979: Beinahe-GAU in Harrisburg
Mittwoch, 28. März 1979
Das Atomkraftwerk Three Mile Island in der Nähe von Harrisburg, der Hauptstadt des Bundesstaats Pennsylvania: Seit den frühen Morgenstunden entweichen aus dem zweiten Reaktor der Anlage radioaktive Dämpfe.

Radio-Reporter, ARD: "Es hat zunächst nach den verfügbaren Darstellungen einen Ausfall einer Kühlwasser-Pumpe gegeben, die außerhalb des Reaktor-Gebäudes liegt. Dann ist programmgemäß das Notkühlsystem in Funktion getreten. Aber ein aufsichtsführender Techniker hat diese Anlage zu früh abgeschaltet. Niemand weiß, warum. Und das hat dann diese verhängnisvolle Ketten von Reaktionen ausgelöst, die um ein Haar eine Explosion dieses Reaktors bedeutet hätten."

Donnerstag, 29. März
Eine Gruppe Umweltschützer bezeichnet die Strahlung innerhalb des Unglücksreaktors als tödlich. Die Messungen an der Unglücksstelle hätten eine Intensität von 4000 Röntgen-Einheiten ergeben. Die tödliche Dosis liege bei 500 Einheiten.

Radio-Reporter, ARD: "Nachdem man uns erst mit der Erklärung beruhigen wollte - 'beruhigen' in Anführungsstrichen - dass bei dem Unfall in Pennsylvania erhöhte Radioaktivität bis zu einer Entfernung von eineinhalb Kilomter vom Kernkraftwerk gemessen wurde, sind es nach letzten Berichten bereits 16 Kilometer. Ein genereller Notzustand wurde erklärt, jedoch keiner der 15.000 Menschen, die in einem Radius von zwei Kilometern vom Kraftwerk entfernt leben, ist bisher evakuiert worden."

Freitag, 30 März
Der Gouverneur des Staates Pennsylvania, Dick Thornburgh, bereitet Evakuierungen vor. Er verfügt, dass Schwangere und Kinder aus der Umgebung des Atomkraftwerks in unverstrahlte Gebiete gebracht werden sollen.

Radio-Reporter, ARD: "Die halbstündigen Abendnachrichten der drei großen Fernsehgesellschaften widmen der Krise mehr als die Hälfte ihrer Sendezeit. Denn immer noch sind über 100 Experten damit beschäftigt, den Atomreaktor soweit unter Kontrolle zu bekommen, dass er sich abschalten lässt - denn das ist ja das grundsätzliche Problem. Und dazu müssen die Brennstäbe abkühlen. Das verhindert eine Blase von stark radioaktivem Gas, die sich im oberen Teil des Reaktors um die Stäbe gebildet und festgesetzt hat und das Kühlwasser nicht heranlässt."

Samstag, 31. März
Ein Sprecher der Nationalen Atomenergiebehörde hält es für möglich, dass ein Teil der Brennstäbe schmelzen könnte. Außerdem drohe die Gasblase aus dem Reaktor-Gehäuse auszutreten und zu explodieren.

Radio-Reporter, ARD: "Die Stabilisierung am Rande des Abgrunds ist erreicht, so - leicht ironisch - kennzeichnet gestern Abend ein Fachmann die Lage im Atomreaktor. Keine neuen Ausbrüche von Radioaktivität, aber leider auch keine Fortschritte bei der Auflösung dieser riesigen Wasserstoffblase im Reaktorkern."

Montag, 2. April
Den Technikern gelingt es, das Volumen der Gasblase im Reaktor von 50 auf etwa einen Kubikmetern zu reduzieren. In den USA wird unterdessen immer mehr Kritik an den Sicherheitsmaßnamen laut.

Radio-Reporter, ARD: "Zu deutlich hat sich gezeigt, dass nicht nur die Bevölkerung zuwenig über die Gefahren weiß, sondern auch die Experten im Dunkeln tappen, wenn etwas geschieht, was nicht geschehen durfte und von dem niemand erwartete, dass es geschehen würde."

Mittwoch, 5. April
Die Betreiber werfen inzwischen den Behörden vor, die Gefahren übertrieben zu haben. Man habe der Kontrollbehörde schon seit Tagen erklärt, dass es hier gar keine Probleme gebe, so ein Sprecher: "Die Situation ist unverändert. Die unmittelbare Gefahr einer Gasexplosion oder eines Durchschmelzens des Reaktorkerns mit massiver nuklearer Verseuchung als Folge scheint gebannt. Das Abkühlen der Brennstäbe lässt den Experten mehr Zeit, über Wege nachzudenken, wie man den Reaktor schließlich abschalten kann. Doch schon jetzt sind manche Experten skeptisch. Wie sie hinter verschlossenen Türen Kongress-Abgeordneten anvertrauten, halten sie es für möglich, dass das Kernkraftwerk bei Harrisburg nie wieder in Betrieb genommen werden kann, weil es nicht mehr restlos zu entgiften sein dürfte."

1. November 1979
Eine von Präsident Carter berufene Kommission ermittelt menschliches Versagen als Hauptursache des Unfalls. Die Betreiber von Three Mile Island planen zunächst, den Unglücksreaktor wieder zu reparieren. Es stellt sich jedoch heraus, dass die Schäden sehr viel schwerwiegender sind als vermutet. Siebzig Prozent des Reaktorkerns sind zerstört. Bis heute sind die Aufräumarbeiten nicht vollständig abgeschlossen.

Autor: Holger Hank
   
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