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16.3.1960: "Psycho" uraufgeführt
Die ganze Sequenz dauert nur 45 Sekunden, ist aber aus über 50 verschiedenen Kamerapositionen aufgenommen, rasant geschnitten und montiert, dazu mit einer wirkungsvollen Geräusch-Musikkulisse unterlegt. Die Rede ist von der berühmten Duschszene aus Alfred Hitchcocks "Psycho". Der Film wurde 1960 uraufgeführt und entwickelte sich zu einem epochalen und stilbildenden Kunstwerk.

Das war 1960 zunächst nicht abzusehen. "Psycho" erhielt zum Teil schlechte Kritiken, die Schockelemente wurden als 'zu brutal' kritisiert und auch Meisterregisseur Hitchcock warf man eine zu oberflächliche Spannungsdramaturgie vor. Erst nach und nach erkannte die Fachwelt die formale Meisterschaft des Films, der zudem existentielle und auch durchaus alltägliche Probleme ansprach:

"Mutter, sie ist fremd hier, hat noch nichts gegessen und draußen gießt es in Strömen - Mutter sie ist fremd hier, wenn ich das schon höre, gerade weil sie fremd ist, man liest doch immer wieder von diesen Weibern, dass sie sich auf den Landstraßen herumtreiben, sie hat noch nichts gegessen, das kann ich mir denken, dass sie Appetit hat, aber mehr auf meinen Sohn als auf ein Stück Brot - Mutter bitte sei still - ja, mich widert es auch an, von diesem Schmutz zu sprechen, mich ekelt es an bloß, daran zu denken - sei still, sein endlich still."

Mutter und Sohn im Zwiegespräch - ein denkwürdiger Dialog. Die Geschichte der Sekretärin Marion Crane, die Geld unterschlägt, auf ihrer Flucht in ein einsam gelegenes Motel gerät und dort auf den offenbar verwirrten Norman Bates trifft, ist nicht einmal besonders originell.

Originell aber war der Subtext des Films. Die hübsche Sekretärin Marion trifft schließlich nicht nur auf Norman, sondern auch auf dessen vermeintliche Mutter. Die Dialoge zwischen Norman und seiner Mutter sind gar nicht einmal so absurd. Und die ironische Quintessenz des Films lieh sich Hitchcock direkt bei Freud aus.

"Der beste Freund für einen Mann ist seine Mutter."

Das wird Marion Crane schließlich zum Verhängnis. Und für die Zuschauer war es 1960 ein unglaublicher Schock, dass Hauptdarstellerin Janet Leigh mitten im Film bestialisch ermordet wurde. Noch dazu von einem etwas unsicher und linkisch auftretenden, aber sehr sympathischen jungen Mann. Anthony Perkins fand in "Psycho" die Rolle seines Lebens. Seine Darstellung des innerlich zerrissenen Norman Bates war - trotz allen Horrors - auch bemitleidenswert:

"Mir kommt das Leben vor, als wenn wir in unserer eigenen Falle gefangen sind wir Ratten, für die es dann auch keine Rettung mehr gibt, wir kratzen und schlagen, aber nur in die Luft oder uns gegenseitig, wir kommen dadurch der Freiheit nicht einen Zentimeter näher."

Hitchcock hatte vor "Psycho" schon eine ganze Reihe von Meisterwerken abgeliefert, doch wirkte sein neuer Film 1960 wie das Werk einer anderen, moderneren Cineasten-Generation. Der Film war zunächst fürs Fernsehen gedreht worden, billig produziert und wohl auch deshalb so wirkungsvoll. Filmsprachlich brillant, verstand es Hitchcock nur mit Andeutungen, Angst im Kopf der Zuschauer entstehen zu lassen.

In der Dusch-Sequenz beispielsweise sieht man ein Messer, einen nackten Körper, einen Duschvorhang und man sieht Bewegung - doch Blut sieht man nicht - erst am Ende, nach der Tat, fließt spiralförmig Blut in den Duschabfluss.

In den 1990er Jahren hat Hollywood den Serienmörder zu einer beliebten Filmfigur gemacht. Mit allen Schikanen werden heute Geschichten um abstrus gestörte Killer erzählt. 1960 musste man den Zuschauern am Film-Ende noch eine Erklärung mit auf den Nachhauseweg geben:

"Nun hat er gestanden? - Nein trotzdem habe ich alles erfahren, jedoch nicht von Norman, sondern von seiner Mutter, ein Norman Bates existiert nicht mehr, sein Ich war von Jugend auf gespalten und nun hat die andere Hälfte triumphiert, sein zweites Ich und offenbar endgültig."

Sieht man "Psycho" heute, nach Jahrzehnten wieder, wirkt er immer noch erstaunlich frisch und nur wenig gealtert. Seine ungebrochene Ausstrahlung verdankt "Psycho" auch der Tatsache, dass er nicht nur auf die Filmpauke schlug, sondern auch leise Töne anschlug, so wie in der Schlusssequenz, als Norman Bates allein in der Zelle sitzt:

"Nicht einmal diese Fliege werde ich verscheuchen, hoffentlich sehen sie das, dass ich die kleine Fliege hier sitzen lasse und werden sagen, seht ihr, dass sie unschuldig ist, nicht einmal einer Fliege kann sie etwas zu Leide tun."

Autor: Jochen Kürten
   
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