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6.12.1992: Lichterketten gegen Ausländerhass
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Rostock, Hoyerswerda, Mölln, Solingen waren die Orte, von denen die Schreckensmeldungen und die Schreckensbilder über Angriffe auf Aussiedler, Übersiedler, Asylsuchende oder ausländische Studierende ausgingen. Brandanschläge, Prügeleien, Pöbeleien, Schüsse auf ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger empörten und verängstigten die Menschen in Deutschland.

Abscheu und Empörung

Dass zunächst einmal die Politiker stellvertretend sozusagen "Abscheu und Empörung" artikulierten, verstand sich von selbst. An ihrer Spitze der damalige Bundespräsident, Richard von Weizsäcker: "Wir dürfen nicht als Bürger auf die Politik allein verweisen. (…) die Politik ihrerseits muss in der Lage sein, durch ihre Maßnahmen die Bürger auch wirklich zu motivieren, aufzurütteln. Es kann so nicht weitergehen mit diesen empörenden Übergriffen. (…) vor allem dürfen auch die rechtsradikalen Zellen, die sich hier gebildet haben, nicht länger am Leben gelassen werden."

Das war alles viel leichter gesagt als getan. Denn natürlich schauten die Bürgerinnen und Bürger auf die Politik und erwarteten Entscheidungen - und sie riefen nach der Polizei, um die Ausländer zu schützen, aber auch, um wieder Ordnung herzustellen im Land.

Handeln satt Abwarten

Dann aber kamen ein paar Wagemutige auf die Idee, dass das allgemein menschliche und politische Klima in Deutschland auch nach außen hin dargestellt werden müsse. Auf diese Weise - so hofften sie - werde zum Ausdruck kommen, dass die schweigende Mehrheit nicht rechts stehe.

In München und in Berlin, in Hamburg und Köln und in vielen Städten scharten sich damals die Bürger zu Lichterketten, um ihren Abscheu gegen die mit den Ausschreitungen zutage tretende Ausländerfeindlichkeit zu demonstrieren. Die Randalierer sollten nicht länger den Eindruck verbreiten können, als trüge sie eine Woge der Sympathie in der Bevölkerung.

Münchener Glocken und Kölner Musik

Die wohl größte Menschenmenge fand sich am 6. Dezember 1992 in München zusammen: 400.000 sollen es gewesen sein. Diese Lichterkette gegen Ausländerfeindlichkeit unterschied sich von vielen anderen vorher und nachher vor allem dadurch, dass sie aufgrund einer strikten Privatinitiative zustande gekommen war. Weder Staat noch Kirchen, nicht Parteien, auch nicht sonstige gesellschaftliche Organisationen hatten dazu aufgerufen oder ihr Organisationspotential zur Verfügung gestellt.

Im bayerischen Rundfunk hieß es damals: "Als Münchens Glocken läuteten, war die Demonstration vieler, die noch nie demonstriert hatten, geglückt. Dicht an dicht standen die Menschen mit Laternen, Kerzen, Taschenlampen, Lampions und Fackeln am Straßenrand, viele in Zweier- und Dreierreihen. Auffallend viele junge Leute darunter ganze Familien quer durch alle Bevölkerungsschichten, um ein Zeichen zu setzen gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassenhass."

In Köln stellten die Menschen Lichter in die Fenster und bildeten ebenfalls eine Lichterkette. Eine Musiker-Initiative "Aasch huh" - auf Hochdeutsch "Arsch hoch" -veranstaltete schließlich mit 100.000 Teilnehmern ein Konzert und forderte mit einem eigens dafür komponierten Lied zum Widerstand gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit auf.

Autor: Otto Busch
   
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