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17.12.1833: Kaspar Hauser stirbt
"Sie sagten, er käme von Nürnberg her und er spräche kein Wort. Auf dem Marktplatz standen sie um ihn her und begafften ihn dort. Die einen raunten, er ist ein Tier, die anderen fragten, was will er hier und dass er sich zum Teufel scher', so jagt ihn doch fort, so jagt ihn doch fort (...). " Sie jagten ihn nicht fort, die Nürnberger, an jenem zweiten Pfingsttag 1828, dafür gab es einfach zu Erstaunliches zu begaffen. Der Dichter und Denker Anselm von Feuerbach beschrieb: "wie ein als Bauernbursche gekleideter junger Mensch in höchst auffallender Haltung da stand, und, einem Betrunkenen ähnlich, sich vorwärts zu bewegen mühte, ohne gehörig aufrecht stehen und seine Füße regieren zu können."

Das Kind Europas

Auf die polizeilichen Amtsfragen auf der Wachtstube - "Wie heißt er? Wes Standes und Gewerbes? Woher kommt er? Wo ist sein Reisepass?" - wusste der offensichtlich zurückgebliebene junge Mann allenfalls "Ä Reutä wähn, wie mei Vottä wähn is" zu stammeln, ansonsten kam immer nur ein "woas nit" heraus.

Aus dem Fremdling war nichts Zusammenhängendes herauszuholen. Aber immerhin hatte er einen Brief dabei, "An den Herrn Wohlgebornen Rittmeister bei 4ten Asgataron bei 6ten Schwolische Regiment". Und in der Tat, Reitersleute sollen ihn am Markt zu Nürnberg abgesetzt und sich dann aus dem Staub gemacht haben.

Der etwa 20-Jährige wurde Kaspar Hauser genannt. Das Schicksal dieses "Kindes Europas", wie man ihn nannte, hat die Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert bewegt wie kaum ein anderes, es war, würde man heute sagen, ein Medienereignis. Auf dem ganzen Kontinent lasen die Menschen in den Gazetten und Journalen von dem Geheimnisumwobenen.

Herkunft ungeklärt

Und noch heute werden den unzähligen Büchern und Schriften, den Kino-Dramen und Fernsehfilmen immer noch angeblich neue Versionen hinzugedichtet. Schließlich machten, 1998, Gerichtsmediziner wenigstens mit einer Mär Schluss, mit der Aufsehen erregendsten: Kaspar Hauser sei ein Spross des badischen Fürstenhauses gewesen und im Zuge einer Intrige als Baby vertauscht und eingekellert worden.

Dazu passte, dass der Junge, mutmaßlich Jahrgang 1812, in völliger Isolation, ohne Kontakt zu anderen Menschen groß geworden sein musste. Anselm Feuerbach, auch Jurist, sprach von einem "Verbrechen am Seelenleben des Menschen". Nun gut, mit dem badischen Fürstenhaus aber hatte Kaspar wohl nichts gemein, das ergab ein hochmoderner genetischer Vergleich mit noch lebenden Angehörigen des Hauses Baden.

Fest steht lediglich, dass der wirre junge Mann, bei seinem Auftauchen verwahrloste fast schwachsinnige Findling, binnen vier Jahren sich die gesamte fortschrittliche Schulbildung seiner Zeit angeeignet hat, er musizierte und hatte Talent fürs Dichten. Also doch von "höherer Herkunft"? Gar ein Sohn Napolèons?

Trauriger Tod des Geheimnisvollen

Wer er auch immer gewesen sein mag, er wurde nicht alt. Inzwischen ins nahe Ansbach verbracht, wurde Kaspar Hauser dort am 14. Dezember 1833 bei einem Spaziergang von einem bis heute Unbekannten mit einem Dolchstich knapp unterhalb des Herzens tödlich verletzt - das zweite, unaufgeklärte Attentat seines kurzen Lebens hat er nur drei Tage überlebt.

Ein Leben, das sich wie Jägerlatein anhört. In echtem Latein steht an der Stelle der mörderischen Tat auf einem Gedenkstein: "Hic occultus occulto occisus est". Hier wurde ein Geheimnisvoller geheimnisvollerweise getötet. Kaspar Hauser.


Autor: Norbert Nürnberger
   
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