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16.11.1976: Wolf Biermann ausgebürgert
Bereits um 18 Uhr, eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn, dichte Menschentrauben vor der Kölner Sporthalle. Auf den Parkplätzen Autos mit Kennzeichen aus der gesamten Republik. Dann, pünktlich um 19.00 Uhr ist es soweit. Wolf Biermann betritt die Bühne am 13. November 1976.

Da steht er, der kleine schnauzbärtige Mann, mit seiner Gitarre zum ersten Mal wieder im öffentlichen Rampenlicht nach zwölf Jahren totaler Bühnenabstinenz, in denen er - wie er selbst sagt - nur noch in seinem Zimmer gesungen hat.

1965 hatte man Wolf Biermann in der DDR mit einem Auftritts, Publikations- und Ausreiseverbot belegt, um ihn - den kritischen Kommunisten - im Lande des real existierenden Sozialismus endlich zum Schweigen zu bringen. Doch das Gegenteil wurde erreicht: Biermann, er wurde im Westen wie im Osten zum Mythos, zum leibhaftigen Symbol der Nichtanpassung.

7000 Menschen in der vollgestopften Kölner Sporthalle brachten ihm bei seinem ersten Westauftritt und zugleich seinem bevorstehenden 40. Geburtstag wohl eins seiner berauschendsten Geschenke entgegen: Ovationen, Ovationen ohne Ende.

Biermanns Tournee durch sechs bundesrepublikanische Städte war von der einladenden IG Metall-Jugend mit zwiespältigen Gefühlen organisiert worden. Denn nachdem ihm die DDR-Behörden überraschend ein Ausreisevisum erteilt hatten, lautete die Frage: "Lassen sie ihn wieder rein?". Zweifel waren immerhin angebracht: Schon zwei Jahre zuvor hatte der Ulbricht-Staat dem Liedersänger ein Visum offeriert, ein Visum allerdings ohne Wiederkehr.

Biermann hatte damals abgelehnt, genauso wie er den Kapitalismus als Gesellschaftsordnung im Westen ablehnte. Er wollte kein Republikflüchtling werden, vielmehr in der DDR bleiben und sie verändern. Dafür blieb ihm nun keine Zeit mehr. Der SED-Staat reagierte schnell und mit kompromissloser Härte. Am 16. November meldete die Nachrichtenagentur ADN:

"Die zuständigen Behörden der DDR haben Wolf Biermann, der 1953 aus Hamburg in die DDR übersiedelte, das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entzogen. Diese Entscheidung wurde auf Grund des Staatsbürgerschaftsgesetzes vom 20. Februar 1967 nach dem Bürger wegen 'grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten' die Staatsbürgerschaft aberkannt werden kann, gefasst. Mit seinem feindseligen Auftreten gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik hat er sich selbst den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen."

Dass Biermanns Ausbürgerung im Westen eine Protestflut auslöste, konnte die SED sicher nicht überraschen, damit mussten sie rechnen. Doch dann geschah im Osten etwas, womit die SED nicht gerechnet hatte: Zwölf der namhaftesten Schriftsteller des anderen Deutschland, darunter Stefan Hermlin, Günter Kunert, Christa Wolf, Stefan Heym und Heiner Müller solidarisierten sich mit dem Verfemten. In einer gemeinsamen Petition forderten sie die DDR-Führung auf, die Ausbürgerung Biermanns zu widerrufen.

Beinahe jeder von ihnen war in der Vergangenheit schon einmal gemaßregelt worden, hatte Publikations- oder Aufführungsverbote hinnehmen müssen. Zum ersten Mal jedoch ergriffen Schriftsteller Partei für einen der ihren gegen staatliche Willkür. Für die prominenten Unterzeichner hatte die Aktion keine Konsequenzen. Inzwischen hatte sich auch bei der SED die Einsicht durchgesetzt, dass die Verfolgung ihrer Schriftsteller-Elite dem Ansehen der DDR eher schaden würde.

Trotz Solidaritätsaktion - für Wolf Biermann gab's dennoch kein Zurück. Er blieb ausgebürgert. 13 Jahre musste er diesmal warten, bis mit dem Fall der Mauer auch das SED-Regime gefallen war.

Autor: Bernd Wegmeyer
   
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