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7.7.1985: Boris Becker siegt in Wimbledon
"Jetzt kommt der Aufschlag. Unerreichbar, unerreichbar für Kevin Curren. Der Wimbledongewinner 1985 heißt Boris Becker. Boris Löwenherz Becker möchte man ihn fast nennen, er schreibt Sportgeschichte." Radioreporter Gerd Szepanski ahnte an diesem 7. Juli 1985 um 18.26 Uhr deutscher Zeit zweifellos nicht, wie sehr er mit seiner Aussage recht hatte - haben sollte.

Denn nachdem sich der 17-jährige Boris Becker mit seinem Erfolg in Wimbledon als erster deutscher, erster ungesetzter und jüngster Spieler bereits einen Abschnitt in den Annalen des Tennissports gesichert hatte, sollten 1986 und 1989 zwei weitere Wimbledonsiege, 1989 ein Sieg in Flushing Meadows, 1991 und 1996 Siege in Melbourne sowie 1988 und 1989 zwei Davis-Cup-Erfolge hinzukommen - was gleich mehreren Kapiteln der Tennisgeschichte entspricht.

Daran dachte während der ersten Tage des Turniers von 1985, wo nach Boris eigenen Worten der Tennisspieler Becker erst geboren wurde, so gut wie niemand. Denn schon der Auftakt zu einer unglaublichen Karriere hing gleich mehrfach an seidenen Fäden.

Dramatische Spiele

Becker war nach Wimbledon gekommen als Sieger des Turniers von Queens und der Empfehlung seines dortigen Finalgegners Johan Kriek, in dieser Form könne er auch Wimbledon gewinnen. Prompt durfte er sein erstes Match auf dem Centre Court spielen - ein erster Fingerzeig darauf, dass man auf den noch weitgehend unbekannten Außenseiter aufmerksam geworden war.

Nach zwei glatten Siegen drohte in der dritten Runde erstmals das Aus. Gegen den Schweden Joakim Nyström rettete ihn wohl nur die Vertagung wegen Regens und Dunkelheit - das Match zog sich insgesamt über drei Tage.

Eine Runde später stand - nach eigenem Bekunden Beckers - sein Gegner Tim Mayotte nur zu weit weg vom Netz, was die Aufgabe des 17-Jährigen verhinderte. Was war passiert? Becker war umgeknickt und prompt wurden in ihm Erinnerungen wach an das Jahr zuvor, als er von eben jenem Court wegen eines Bänderrisses mit einem Rollstuhl weggefahren wurde.

Zu Hause auf dem Centre Court

Diesmal war es allerdings nicht so schlimm, sein Coach Günther Bosch und Manager Ion Tiriac beschworen ihn weiterzumachen - und Mayotte stand eben, zum Glück, zu weit weg für den Händedruck zum Zeichen der Aufgabe. Nach kurzer Verletzungspause spielte Becker besser als zuvor - und Mayotte war entnervt.

Das war wohl die Wende zugunsten Beckers - doch im Halbfinale halfen ihm gegen den Schweden Anders Jarryd noch einmal die Regenunterbrechungen. Das Finale gegen Kevin Curren war dann fast nur noch Formsache - und der Centre Court wurde zu Beckers Wohnzimmer.

Der Sieg Beckers 1985 in Wimbledon hatte ungeheure Folgen. Sicher, es gibt eine ganze Reihe deutscher Sportler, die wesentlich mehr Erfolge als Becker vorzuweisen haben. Aber nur wenige haben es jemals geschafft, eine ganze Nation zu bewegen - Max Schmeling etwa, die 1954er Elf und eben Becker. Teenies und Großmütter saßen gemeinsam mitfiebernd vor dem Fernsehgerät, aus Sportmuffeln wurden Tennisfans, die Sportart Tennis wurde jäh aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt.

Bum-Bum-Boris

Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker schickte Becker ein Glückwunschtelegramm. War das schon ungewöhnlich, weil damals eigentlich nur bei Fußballern und Olympiasiegern üblich, sorgte von Weizsäcker für ein absolutes Novum im deutschen Sport, als er sich wenige Tage nach dem Finale im Aktuellen Sportstudio des ZDF mit Becker unterhielt.

Warum aber löste Becker all das aus? Der 17-Jährige am Vortag des Finales von 1985: "Ich will morgen nur auf den Platz gehen und gewinnen - weiter nichts."

Es war diese Offenheit, Direktheit, Unbekümmertheit und Ehrlichkeit, die die Menschen für Becker einnahm. Egal, ob auf oder neben dem Platz: Becker öffnete sich den Fans komplett, zeigt seine Seele. Seine Aussagen zu allen Themen dieser Welt waren immer direkt und ehrlich, auf dem Platz ließ sich seine Stimmung immer am Gesicht, am ganzen Körper ablesen - man denke nur an die Becker-Faust. Dazu kam der unbedingte Siegeswille, die grenzenlose Kampfbereitschaft, die sich eigentlich immer am Verschmutzungsgrad seiner Trikots erkennen ließ - wer kennt nicht den Becker-Hecht?

Sportart Boris Becker

So entwickelte sich ein ganz eigenes Becker-Charisma. Mit ihm konnte man sich immer mitfreuen, man konnte mit ihm jubeln, aber auch mit ihm leiden, wenn nicht alles nach seinen Wünschen lief.

Er war freilich nie unumstritten, denn so wie sich die Masse für ihn begeisterte, lehnten ihn einige auch ab - aber es gab so gut wie keinen, den Boris Becker kalt gelassen hat. Das galt selbst für Schriftsteller, die sich mit dem Phänomen Becker beschäftigten, oder für andere, erfolgreiche Sportler, die sich als bedingungslose Becker-Fans outeten.

Und so stimmt wohl, was der Reporter Gerd Szepanski einmal meinte, nämlich dass die Menschen wohl eher die Sportart Boris Becker feierten und nicht Tennis mit Boris Becker.


Autor: Wolfgang van Kann
   
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