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10.1.1927: "Metropolis"
Zählt man die bekanntesten und einflussreichsten Filme des 20. Jahrhunderts auf, gehört "Metropolis" auf jeden Fall dazu. Fritz Langs Stummfilm-Klassiker aus dem Jahre 1926 ist aber auch eines der umstrittensten Werke der Filmgeschichte.

Oberschicht gegen Unterschicht

Der Streit um die Bedeutung des Films entzündete sich vor allem am Drehbuch, das aus der Feder von Langs damaliger Frau, Thea von Harbou, stammt: Der Film schildert den Kampf zwischen Arm und Reich. In der Zukunftsstadt Metropolis lebt die Oberschicht in luxuriösen Phantasiebauten, in der Unterwelt schuftet das Proletariat. Nachdem der Spross des mächtigsten Industrieführers ein Mädchen aus der Unterschicht kennen lernt und mit ihr gemeinsam den Kampf gegen die Ausbeutung aufnimmt, kommt es zum Aufruhr.

Am Ende steht allerdings die Versöhnung: Proletariat und Industrie reichen sich die Hände: "das Herz versöhnt Hand und Hirn", bemerkte Thea von Harbou zu dieser Szene, "die Klassengegensätze werden unter Umgehung aller Tarif-Verhandlungen überwunden", spottete dagegen der einflussreiche Filmtheoretiker Béla Balázs.

Kritik und Kommentare

Die zeitgenössischen Kommentare sparten nicht mit Kritik. Ein paar Beispiele: Der deutsch-amerikanische Medientheoretiker und Kunstpsychologe Rudolf Arnheim schrieb nach der Uraufführung: "Die Stadt Metropolis ist auf einem Sand gebaut, der unfruchtbarer ist als der märkische in Neubabelsberg - auf dem Manuskript der Thea von Harbou. Was diese auch anfasst wird goldig, und kommt sie einmal an einen ernsthaften Stoff, so treibt sie mit Entsetzen Kitsch."

Ähnlich drückte es die Filmhistorikerin Lotte Eisner aus: "Thea von Harbou gab Langs Filmen so einen Touch "Deutsche Hausfrau" - zu tüchtig hier, zu sentimental dort. Ihr reinstes Küchenrezept war das Skript zu Metropolis."

In ihrem legendären Buch "Die Dämonische Leinwand" setzte sich Eisner vor allem mit den problematischen Massenszenen des Films auseinander und zog eine Linie zu den nationalsozialistischen Propagandawerken einer Leni Riefenstahl. Der Mensch erscheint nicht mehr als Individuum, so der Kern der Kritik, sondern nur noch als Teil einer gesichtslosen Masse.

Siegfried Kracauer schrieb in seiner berühmten Schrift "Von Caligari zu Hitler": "Metropolis kann als besonders deutliches Beispiel einer anspruchsvoll leeren Stilmanier gelten. Die eigentliche Handlung ist um rein äußerer Effekte Willen von vielerlei nebensächlichen Beiwerk umrankt und durchzogen."

Am schärfsten formulierte die Kritik damals der Schriftsteller H.G. Wells: "Fritz Lang verabreicht in ungewöhnlicher Konzentration nahezu jede überhaupt mögliche Dummheit, Klischee, Plattheit und Kuddelmuddel über technischen Fortschritt; serviert mit einer Sauce von Sentimentalität, die in ihrer Art einzigartig ist."

Distanzierung Langs

Der Regisseur distanzierte sich später von "Metropolis", Lang sagte: "Die Hauptthese war von Frau Harbou, aber ich bin wenigstens zu 50 Prozent verantwortlich, weil ich den Film gemacht habe. Ich war damals nicht so politisch bewusst wie ich es heute bin. Man kann keinen gesellschaftlich bewussten Film machen, indem man sagt, der Mittler zwischen Hand und Hirn sei das Herz. Ich meine, das ist ein Märchen, wirklich."

Wie kommt es nun, dass "Metropolis" trotz dieser vielen kritischen Stimmen, doch als eines der wegweisenden Werke in die Filmgeschichte einging? Die Antwort ist einfach: "Metropolis" war von großer formaler Meisterschaft und seiner Zeit weit voraus.

Meilenstein der Filmgeschichte

Was Filmtechniker, Kameraleute, Architekten und Dekorateure in den 17 Monaten Drehzeit schufen, war beispiellos. Die an Expressionismus und Neuer Sachlichkeit angelehnten Film-Bauten waren so eindrucksvoll, dass sie in den Kanon der modernen Kunst eingingen. Noch Jahrzehnte später erinnert die Ausstattung der großen Science-Fiction-Erfolge aus Hollywood an das deutsche Vorbild.

So bleibt "Metropolis" einer der großen Meilensteine der Filmgeschichte; umstritten der Inhalt, anerkannt die Form. Wie sagte schon Francois Truffaut: "Alle großen Filme sind missglückte Filme."

Autor: Jochen Kürten
   
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