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22.5.1872: Grundsteinlegung in Bayreuth
"Vollendet das ewige Werk: auf des Berges Gipfel die Götterburg, prächtig prahlt der prangende Bau!"

Wotan hat die Burg Walhall als Wohnsitz der Götter errichten lassen. Diese Geschichte erzählt Richard Wagner in seiner Oper "Das Rheingold". Am 22. Mai 1872 legte Wagner den Grundstein zu seinem persönlichen Walhall: Dem Festspielhaus in Bayreuth.

Die Idee eines Festspiels hatte Wagner schon 20 Jahre früher gehabt. Er konzipierte gerade den sogenannten "Ring des Nibelungen", das sind die Opern "Rheingold", "Siegfried", "Walküre" und "Götterdämmerung".

Von der reinen Theorie zum Wunder

Der Tübinger Musikhistoriker Professor Hans Mayer (1907-2001) sagte in einem Interview mit der Deutschen Welle: "Wagner, der Revolutionär von 1848/1849, hatte, als er noch nicht an König Ludwig und an Bayreuth denken konnte, die Idee, er baut für den Nibelungenring ein Festspielhaus. Das sollte am Rhein sein, und zwar in Mainz. Das wollte dann gleichsam ein Wegwerffestspielhaus sein. Er sagte, das wird dann schnell wieder abgerissen, nachdem man unentgeltlich für Leute, weitgehend junge Leute, Wagnerianer oder künftige Wagnerianer, die Festspiele hat ablaufen lassen. Dann hat es seine Funktion erfüllt, dann kann es abgerissen werden. Und es gibt auch Entwürfe, das so zu machen."

Der Plan bleibt aber Theorie. Nirgendwo sind um 1850 herum Geldgeber für das unkonventionelle Projekt in Sicht. Wagners persönliche Geldprobleme sind so drückend, dass ihm Schuldhaft droht. Traurige Routine. Die meiste Zeit seines Lebens hatte Wagner Schwierigkeiten, seinen Lebensstil aus eigener Kraft zu realisieren.

Mitte der 1860er-Jahre geschieht ein Wunder: Der junge König Ludwig II. von Bayern wird auf Wagner aufmerksam. Der schwärmerische Monarch schenkt dem Komponisten seine Freundschaft. Und immer wieder Geld. Ein eigenes Festspielhaus zu bauen, wird auf einmal vorstellbar. Natürlich kommt jetzt nur noch Bayern, die Heimat Ludwigs, in Frage.

“Sei gesegnet du Stein, bleibe für lange Zeit fest und halte gut“

Die Wahl fällt auf Bayreuth unweit von Nürnberg. Ein Kern der ursprünglichen Idee vom Wegwerffestspielhaus bleibt. Der Zuschauerraum soll so unaufwendig wie möglich, ja fast provisorisch sein. Dafür soll aller nur möglicher Aufwand in die Bühnentechnik gesteckt werden. Dem König nennt Wagner den Grund: "So weit das künstlerische Vermögen der Gegenwart reicht, soll Ihnen im szenischen wie im mimischen Spiele das Vollendetste geboten werden."

Der Architekt Otto Brückwald, ein Schüler von Gottfried Semper, wird Wagners Ideen realisieren. Am 22. Mai 1872, seinem 59. Geburtstag, legt Richard Wagner den Grundstein zu seinem Festspielhaus mit den Worten: "Sei gesegnet du Stein, bleibe für lange Zeit fest und halte gut."

Eineinhalb Jahre später ist das Gebäude fertig. Jedoch wird es sich noch bis zum Jahr 1876 hinziehen, bis endlich eine Aufführung stattfinden kann. Mal wieder ist es das Geld. Wagner setzt sein eigenes Vermögen und das seiner Gattin ein. Zudem hatte er schon Anteilscheine an reiche Musikliebhaber verkauft. Aber die Summen decken die Kosten nicht. Fast wäre aus Bayreuth ein Geisterhaus geworden.

Das Haus auf dem grünen Hügel

Im letzten Moment übernimmt König Ludwig die dringendsten Ausgaben. Die Finanzknappheit hat Auswirkungen auf das künstlerische Ergebnis: Wagner kann nicht alle Raffinessen verwirklichen, die er gerne in seine Ringinszenierung eingebaut hätte. Sein Enkel Wolfgang Wagner (1919-2010), Leiter der Bayreuther Festspiele bis 2008, kannte die Schwierigkeiten: "Leider ist es so, dass sehr oft materielle Dinge ausschlaggebend sind für die Realisierung künstlerischer Vorhaben. Wenn ich also die Tragödie historisch betrachte, dass Richard Wagner nicht in der Lage war, die Erfahrungen auszuwerten wegen diesem lumpigen Geld, damals eigentlich keine feste, von ihm vorgeformte Aussage des Ringes haben, deswegen gibt es eine zumindest von Richard Wagner geschaffene Tradition überhaupt nicht."

Geboren unter Widrigkeiten findet am 13. August 1876 mit der Oper "Rheingold" endlich die Eröffnungsvorstellung der Bayreuther Festspiele statt. Wagner war deprimiert: "Die ungeheure Mühe einer möglichst stilvollen Aufführung meines Nibelungenwerkes hat mich, da sie doch endlich auch nur zur Geburt eines gewöhnlichen Theaterkindes führte, sehr erschöpft; nichts habe ich damit aufgebaut, nichts als ein leerstehendes Gehäuse."

Es würde ihn trösten, wenn er wüsste, dass das Haus auf dem grünen Hügel auch heute noch jeden Sommer ein Wallfahrtsort für Wagnerianer aus aller Welt ist. Bis heute werden im Bayreuther Festspielhaus nur die Opern Richard Wagners aufgeführt. Die Karten sind immer auf Jahre im Voraus ausverkauft.

Die Preise machen die Festspiele zum Tummelplatz der Reichen und Prominenten. Nur eine Kleinigkeit ist geblieben von der Ur-Idee, den Gratisvorstellungen für jedermann: In Bayreuth sitzen bis heute auch die Superreichen nur auf hölzernen Klappstühlen.

Autorin: Catrin Möderler
Redaktion: Stephanie A. Frank
   
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