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19.4.1943: Aufstand im Warschauer Ghetto
Es war eine Geste, die in ihrer einfachen Selbstverständlichkeit unvergessen bleibt: Der Kniefall des damaligen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt im Dezember 1970 vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos. "Ich tat, was Menschen tun, wenn Worte versagen" schrieb Brandt später über diesen denkwürdigen Augenblick. Er ehrte als Vertreter eines anderen Deutschland, das nun um Verständigung und Aussöhnung bemüht war, den Heldenmut jener Ghettokämpfer, die in aussichtsloser Situation sich aufgebäumt hatten gegen ein Terrorregime.

Jeder Tag ein Kampf ums nackte Überleben

Als die Juden im Frühjahr 1943 den Elite-Truppen der SS mit bewaffnetem Widerstand trotzten, waren sich die meisten über die tödliche Gefahr, über die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes im Klaren. Mehr als drei Jahre der Erniedrigung, des physischen Terrors und der ständigen Todesdrohung lagen zu diesem Zeitpunkt hinter ihnen.

Zusammengepfercht auf einer vier Quadratkilometer großen Fläche lebten hier seit Errichtung des Ghettos im Herbst 1940 über 400.000 Menschen. Hohe Mauern riegelten sie von der Außenwelt ab. Die Übergänge waren verbarrikadiert, die Straßen stets kontrolliert. Ghettobewohner durften nicht auf die "arische Seite". Wer es dennoch tat, riskierte sein Leben. In diesem eingemauerten jüdischen Wohnbezirk, einem Riesengefängnis, entwickelte sich zwischen Herbst 1940 und Sommer 1942 eine gespenstisch anmutendes alltägliches Leben.

Für die meisten Ghettobewohner bedeutete jeder Tag aufs neue ein Kampf ums nackte Überleben. Die Lebensmittelversorgung war auf Minimalrationen reduziert, die Sterblichkeitsziffer hoch. Jederzeit musste mit dem Ausbruch von Epidemien gerechnet werden.

Formieren des Widerstands

In kalkulierter Tücke hatte die SS den Juden eine Art "Selbstverwaltung" aufgezwungen: Ein sogenannter Judenrat war den Besetzern gegenüber für Ordnung und Sicherheit verantwortlich, später aber auch für die Auswahl der Ghettobewohner, die in die Vernichtungslager abtransportiert wurden. Denn als nach der Wannseekonferenz vom Januar 1942 die Deportationen der Juden begannen, blieb auch Warschau nicht verschont.

Zwischen Juli und September 1942 wurden über 300.000 Juden aus dem Ghetto abtransportiert, täglich ein Zug mit über 5.000 Menschen. Ziel war das Vernichtungslager Treblinka. Über das Schicksal, das die Juden dort erwartete, herrschte im Ghetto bald Gewissheit - und aus der Verzweiflung formierte sich der Widerstand:

Dann, im Herbst 1942 gab es eine Pause in den Deportationen. Im Ghetto lebten nur noch 70.000 Bewohner, viele davon Arbeiter in den Fabrikbetrieben, die für den Bedarf der deutschen Wehrmacht produzierten, vor allem Uniformen, Lederzeug und Chemikalien für Sprengstoffe. Diese Arbeiter formierten sich nun als harter Kern des Widerstandes.

Zusammenschluss gegen die Tyrannei

Kommunisten, Sozialisten und Zionisten schlossen sich zu einer Aktionsfront zusammen, um sich weiteren Deportationen zu widersetzen. Kampforganisationen wurden geschaffen und einem gemeinsamen Kommando unterstellt. Ab Herbst 1942 bereiteten sich die zum Widerstand Entschlossenen auf den Kampf gegen die Deutschen vor.

Im Januar 1943 besuchte der Reichsführer SS Heinrich Himmler Warschau, gab den Befehl, das Ghetto weiter zu verkleinern und ordnete die Wiederaufnahme der Deportationen in die Vernichtungslager an. Dies war das Signal zum Widerstand. Zwar wurden noch einmal 6.000 Menschen deportiert, doch kam es zu ersten blutigen Zusammenstößen zwischen jüdischen Widerstandsgruppen und der SS.

Mitte Februar ordnete Himmler an, das Ghetto aufzulösen und die Bewohner wegzuschaffen. SS-Brigadeführer Jürgen Stroop sollte den Auftrag durchführen. Seine Truppe - überwiegend Angehörige der SS - bestand aus rund 3.000 Mann. Ihnen standen etwa 1.500 schlecht bewaffnete Ghettobewohner gegenüber, unter ihnen viele Frauen.

Ein ungleicher Kampf

Zwar konnten die aufständischen Juden in den ersten Tagen in einigen Gefechten siegen, aber sie schlugen die deutschen Soldaten immer nur für ein paar Stunden zurück. Es war ein ungleicher Kampf, sein Ende vorbestimmt. Mark Edelmann, damals stellvertretender Kommandant der jüdischen Kampforganisationen, schrieb in seinen Erinnerungen: "Ein Flammenmeer schlägt über Häusern und Höfen zusammen. Der Gestank brennender Leichen würgt in der Kehle. Auf den Balkonen, Fensterbrettern, auf den Steinstufen liegen verkohlte Leichen. Hunderte setzen ihrem Leben ein Ende, indem sie aus dem dritten oder vierten Stock springen. Auf diese Weise retten Mütter ihre Kinder vor dem Flammentod."

Niederschlagung des Aufstands

Erst am 8. Mai konnten deutsche und ukrainische Abteilungen schließlich das Hauptkommando der jüdischen Kampforganisation umzingeln. Wer nicht erschossen wurde oder nicht durch Gas umkam, das die Deutschen in den Bunker warfen, beging Selbstmord. Am Abend des 16. Mai 1943 war mit der Sprengung der jüdischen Synagoge der Aufstand beendet.

Mehr als 56.000 Juden sind bei den Kämpfen umgekommen. In die Geschichtsbücher geht der Aufstand im Warschauer Ghetto ein als erster militärischer Widerstand gegen die faschistische Unmenschlichkeit.



Autor: Bernd Wegmeyer
   
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