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16.4.1917: Lenins Rückkehr nach Russland
Zürich, Hauptbahnhof. Ein Montag im April 1917. Es ist soweit. Monatelang hat er Pläne gewälzt, wochenlang hat er sich auf diesen Augenblick vorbereitet. Und notfalls wäre er auch, mit einer Perücke verkleidet und einem schwedischen Pass im Gepäck über England nach Russland gefahren. Russland, er muss nach Russland. Man erwartet ihn.

Drei Körbe haben sie mitnehmen dürfen, vollgepackt mit Manuskripten, Büchern und Kleidung, sowie ein paar Kartons mit Zeitungen und Zeitungsausschnitten, Parteidokumenten. In einem verplombten Waggon werden sie nach St. Petersburg fahren, quer durch Deutschland, quer durch Feindesland. Der Kaiser hat grünes Licht gegeben. Deutschland befindet sich im Krieg mit Russland. Und von ihm, Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, erwarten sich die Deutschen viel; sogar an einen Separatfrieden denken sie. Und dann wird auch er, dieser Lenin, im Chaos der Revolution, die er mitangezettelt hat, verschwinden, so hofft man.

32 Menschen reisen in dem verriegelten Waggon durch Deutschland. Wird man sie verhaften? Wird man sie zurückschicken? In ihren Memoiren werden sie später schreiben, dass sie die Marseillaise gesungen haben.

Der Waggon wird jedesmal an einen regulären Zug angekuppelt. Manchmal steht der grüne Waggon mit acht Abteilen stundenlang auf einem Abstellgleis, weil Transporte mit Soldaten und Kriegsgerät, die an die Front rollen, Vorfahrt haben. Sie kochen Tee auf ihren Spirituskochern, essen Brote, die sie aus der Schweiz mitgenommen haben. Später wird man ihnen warmes Essen aus dem Speisewagen bringen. Alle haben ihre Fahrkarte selbst bezahlt. So hat es der Führer der Bolschewiki angeordnet.

Lenin steht am Fenster, die Daumen in den Achselhöhlen vergraben. Er ist schon einmal durch Deutschland gefahren, 1905 ist das gewesen. Heute ist Inessa dabei, seine Freundin. Warum hat sie seine Briefe nicht beantwortet? Für die Partei interessiert sie sich, nicht aber für ihn, nicht mehr. Wie anders Nadja, seine Frau, die nie von ihm weichen wird, die Krupskaja.

Es stört ihn, wenn jemand raucht. Man müsste Erlaubnisscheine austeilen. Lenin schickt die Raucher auf die Toilette. Das aber ist nicht durchzuhalten, denn dort bildet sich eine Schlange. Es stört ihn auch, wenn die beiden Kinder lärmen, wenn der vierjährige Robert Clownereien macht. Eine mitreisende Revolutionärin lacht laut; Lenin nimmt sie bei der Hand und führt sie in ein anderes Abteil, denn er muss sich konzentrieren. Er arbeitet viel, erinnern sich die Mitreisenden später.

11. April 1917, Berlin. Was geschieht in der deutschen Hauptstadt? Der Waggon bleibt 20 Stunden lang dort. Deutsche Begleitoffiziere, die den Zug verlassen, finden ihn später nicht wieder. Die Wagen sind vom Potsdamer zum Stettiner Bahnhof gefahren. Hat es Kontakte zum Außenministerium in der Wilhelmstraße gegeben? Die Deutschen wollen etwas von Lenin; will auch er etwas von den Deutschen? Von Geld ist die Rede in den Aufzeichnungen des Außenministeriums, von 40 Millionen Goldmark.

Der Zug rollt wieder, Richtung Saßnitz. Dort nehmen die Revolutionäre die Fähre nach Schweden, weiter geht es durch Finnland nach Russland.

16. April. An diesem Ostermontag des Jahres 1917 trifft der Chef der Bolschewiki mit der Krupskaja auf dem Finnländischen Bahnhof in St. Petersburg ein. Zehntausende jubeln ihnen nachts zu. Lenin hat auf der Fahrt von der Schweiz nach Russland, quer durch Deutschland, seinen Hut gegen eine Arbeitermütze getauscht. Er setzt sich bald nach seiner Ankunft für einen Friedensschluss mit Deutschland ein. Die Bolschewiki haben Geld - Geld, um Zeitungen zu drucken; Geld, um sich besser zu organisieren. Es lebe die sozialistische Weltrevolution!

Autor: Claus-Dieter Gersch
   
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