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23.2.1960: Tiefster Punkt der Erde erreicht
Am Morgen des 23. Februar 1875 verlässt ein Schiff den kleinen Hafen der mikronesischen Insel Guam und sucht sich zwischen der Inselgruppe der Marianen hindurch den Weg hinaus auf den Stillen Ozean - der größten Wasserfläche der Erde.

Seit Monaten ist die Crew der "Challenger" unterwegs, um den Tiefseeboden für die Verlegung von Telegrafenleitungen zu erkunden. Am Ende der Reise werden sie 70.000 Seemeilen zurückgelegt haben.

An diesem 23. Februar 1875 aber wird man am Rand jener Inselgruppe im Marianengraben eine Seetiefe von 8164 Metern messen; die tiefste bis dahin jemals gemessene Stelle unseres Planeten. Doch wäre nicht inzwischen die damals gemessene Tiefe korrigiert worden - der Marianengraben wäre längst nicht mehr der tiefste Punkte der Erde. Schon wenige Jahrzehnte später fand man im Atlantik den Puerto-Rico-Graben mit einer Tiefe von 8648 Metern.

Der Schweizer Physiker Auguste Piccard, der die Stratosphäre mittels eines Ballons ebenso erforschte wie die Tiefsee, hat 1953 ein Tiefseetauchgerät, die "Trieste", entwickelt, und bereits ein Jahr später erreichte er damit eine Tauchtiefe von 4000 Metern. Sein Sohn Jacques war als Mitarbeiter an der Konstruktion und am Bau beteiligt.

Als schließlich die US-amerikanische Marine das Tiefseetauchgerät erwirbt, stellt sie Piccard junior als wissenschaftlichen Berater ein. Gemeinsam mit dem Matrosen Donald Walsh besteigt Jaques Piccard am 23. Februar 1960 - auf den Tag genau 85 Jahre nach den Messungen der "Challenger" - die "Trieste", um hinunter in den Marianengraben zu tauchen, hinunter in eine andere Welt.

Absolute Dunkelheit, unglaublicher Druck und tödliche Kälte sind eine Herausforderung, der sich bis dato nur wenige Menschen gestellt haben. Dicht aneinandergedrängt in der im Radius nur 1,8 Meter messenden stählernen Kugel, gleiten Jaques Piccard und Donald Walsh in eine Rekordtiefe von 10.916 Metern. Denn tatsächlich ist der Marianengraben noch mehr als 2000 Meter tiefer, als einst von der "Challenger" gemessen. Bedenkt man, dass in dieser Tiefe auf jede Fläche eine elf Kilometer hohe Wassersäule lastet, wird verständlich, weshalb die stählernen Wände der "Trieste" 12,7 Zentimeter dick sind.

Abenteuerlust und die Suche nach wissenschaftlichen Erkenntnissen waren für Jacques Piccard ebenso Motivation für das riskante Unternehmen, wie die Bilder aus Kindertagen von riesigen Seeungeheuern, die in den Legenden seit uralten Zeiten in den tiefsten Tiefen der Meere hausen sollen.

Meist sind solche Geschichten als Märchen oder Seemannsgarn abgetan worden. Der englische Wissenschaftler Edward Forbes behauptete mehr als hundert Jahre zuvor sogar, dass es unterhalb einer Tiefe von 550 Metern überhaupt kein Leben im Meer gäbe. Diese Theorie war lange gängige Lehrmeinung, obwohl Sir James Ross bereits ein Vierteljahrhundert zuvor Seesterne und anderes Getier aus etwa 1800 Metern hochgeholt hatte.

Um Forbes Theorie zu widerlegen, sammelten die Wissenschaftler an Bord der "Challenger" schließlich auch eine Fülle von Arten, die sie aus mehreren tausend Metern Tiefe hochgeholt hatten. Doch erst Jacques Piccard hatte sich die Möglichkeit geschaffen, der Sache persönlich im wahrsten Sinn des Wortes "auf den Grund" zu gehen.

Nach seinen Beobachtungen aus dem Tiefseetauchboot vertrat er die Meinung, dass man nicht alle "Seeungeheuer" in den Bereich der Fabel verweisen kann. Er glaubte zwar nicht an Riesenkraken, die ganze Schiffe mit Mann und Maus verschlingen können; aber es gibt dort unten in der absoluten Finsternis doch eine Reihe höchst seltsamer Fische.

Der Tauchgang des Jacques Piccard und des Donald Walsh am 23. Februar 1960 blieb in der Tiefsee-Ozeanographie ein Novum. Nie wieder sind Menschen in solche Tiefen vorgedrungen. Der Marianengraben wurde inzwischen aus dem Weltraum mit speziellen satellitengestürzten Verfahren neu vermessen, der tiefste Punkt der Erdoberfläche beträgt demnach exakt 11.034 Meter.

Autor: Gerhard Haase
   
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