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10.1.1920: Versailler Vertrag tritt in Kraft
"Die Stunde der Abrechnung ist da!" Mit diesen Worten umschrieb der französische Premierminister Georges Clemenceau das Ereignis. Am 10. Januar 1920 trat der Friedensvertrag von Versailles in Kraft.

Der Erste Weltkrieg war damit offiziell beendet. Nach über vier Jahren Krieg in den Gräben vor Verdun und auf den Schlachtfeldern in Flandern, nach gigantischen Materialgefechten mit Millionen kalkulierter Opfer hatte das unterlegene Deutsche Reich das Friedensabkommen unterschreiben müssen.

Deutschland fühlt sich gedemütigt

Die Bedingungen diktierten die alliierten Sieger: Frankreich, Großbritannien, Italien, die Vereinigten Staaten und weitere 28 assoziierte Länder. Friedensverhandlungen im eigentlichen Sinne waren nicht vorgesehen - ein Umstand, der in Deutschland als extrem demütigend empfunden wurde, so der damalige deutsche Außenminister Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau: "Wir täuschen uns nicht über den Umfang unserer Niederlage, den Grad unserer Ohnmacht. Wir kennen die Wucht des Hasses, die uns hier entgegenschlägt. Es wird von uns verlangt, dass wird uns als die allein Schuldigen am Kriege bekennen; ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge."

Alliierte sehen Allein-Schuld Deutschlands

Für die Alliierten stand von Anfang an fest: Vor allem Deutschland und seine Verbündeten Österreich, Ungarn, Bulgarien und die Türkei trugen die alleinige Verantwortung für den Ausbruch des Krieges. Eine Woge der Entrüstung erfasste in Deutschland alle Parteien - von rechts bis links. Im Protest gegen die sogenannte Schmach von Versailles fand sich eine Nation zusammen, die nach der November-Revolution 1918 und nach der Abschaffung der Monarchie vor einem Bürgerkrieg stand.

Die alliierten Forderungen waren überaus hart - aber keineswegs härter als jene Friedenspläne, die Deutschland im Falle eines Sieges den Unterlegenen aufgebürdet hätte. Deutschland musste Elsass-Lothringen an Frankreich abtreten. Wichtige landwirtschaftliche und industrielle Standorte im Osten gingen verloren. Die gesamten Reparationsforderungen an Deutschland erreichten die astronomische Summe von 132 Milliarden Goldmark.

Zahlungen bis 1980

In Deutschland gingen der Vertragsunterzeichnung heftige Kontroversen voraus. Gustav Bauer, damals Reichskanzler, in seiner Erklärung vor der Nationalversammlung: "Die Regierung der deutschen Republik ist bereit, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, ohne jedoch damit anzuerkennen, dass das deutsche Volk der Urheber des Krieges sei. Unterschreiben wir. Das ist der Vorschlag, den ich Ihnen Namens des ganzen Kabinetts mache. Einen neuen Krieg können wir nicht mehr verantworten, wir sind wehrlos. Aber wehrlos ist nicht ehrlos."

Ein Kuriosum ist bis heute die Begleichung der deutschen Wiedergutmachungsleistungen geblieben. Erst im Juni 1980 wurden die letzten Zins- und Tilgungszahlungen von der Bundesrepublik erbracht.

Dass der Versailler Vertrag noch immer ein Politikum geblieben ist, zeigt das Beispiel Ungarn. Als Verbündeter Deutschlands hatte das Land große Gebiete verloren: die Slowakei, das Burgenland, Slawonien und Siebenbürgen. Noch in den 1990er-Jahren hatten nationalistisch gesinnte Politiker die Grenzen Ungarns in Frage gestellt - mit der Begründung, die geografische Friedensordnung von 1920 sei mit den politischen Veränderungen in Osteuropa und auf dem Balkan null und nichtig geworden.

Versailler Vertrag fördert Krisenherde

Bis heute hat der Versailler Vertrag eine Reihe von Krisenherden gefördert und hinterlassen: Etwa der Südtirol-Konflikt zwischen Italien und Österreich, bei dem es um die italienische Grenze am Brenner geht. Oder Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Arabern, die den Vertrag von Versailles und seine Grenzen ebenfalls nicht akzeptieren - Grenzen, die sich aus der Neuaufteilung des Osmanischen Reiches ergaben.

Gleiches gilt auch für das in Aussicht gestellte, aber nie verwirklichte Selbstbestimmungsrecht der Kurden. Und selbst die einstigen Deutsch-Ostafrika-Kolonien Burundi und Ruanda, die 1919 Belgien zur Verwaltung überantwortet wurden, verdanken ihre Existenz dem Versailler Vertrag.


Autor: Michael Marek
   
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