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27.11.1895: Nobel-Preis gestiftet
Ohne die Stiftung und die Preise, die in seinem Namen vergeben werden, würde den schwedischen Industriellen Alfred Bernhard Nobel wahrscheinlich kaum jemand mehr kennen. Doch nicht nur die Liste der Preisträger, auch die Vorgeschichte der Stiftung ist spannend, denn in Nobels Testament steht davon kein Wort.

Nobel war ein widersprüchlicher Mensch: Schwede durch und durch, obwohl er seit seinem neunten Lebensjahr im Ausland gelebt hatte; er machte sein Geld mit Sprengstoffen und war doch pazifistischen Ideen zugetan. Nach einem verlorenen Patentprozess misstraute er allen Formalismen im Allgemeinen und Advokaten im Besonderen. Hatte er aber andererseits erst einmal Vertrauen zu Jemandem gefasst, dann sprach er sich über das Ziel ab, ansonsten ließ er freie Hand.

Schließlich hatte Nobel ganz eigene Ansichten zu Geld und Vermögen. Zuviel vererbtes Geld, so äußerte er wiederholt, würde die Menschen stumpfsinnig machen.

Mit diesen Prämissen kann man sein Testament verstehen, das er am 27. November 1895 im schwedischen Klub in Paris unterzeichnete und von vier Landsleuten bestätigen ließ. Es enthält zuerst einige kleinere Legate an einzelne Personen und fährt dann fort:

Nobel: "Über mein übriges realisierbares Vermögen wird auf folgende Weise verfügt: Das Kapital (...) soll einen sicheren Fond bilden, dessen jährliche Zinsen als Preis denen zuerteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben."

Fünf Fachgebiete sollten ausgezeichnet werden: Physik, Chemie sowie Physiologie oder Medizin - da kommt der Naturwissenschaftler durch. Ferner die Literatur, insbesondere die "idealistische Richtung"; Nobel selbst war auch literarisch begabt. Und schließlich sollte der ausgezeichnet werden, "der am meisten oder am besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt hat, für die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere sowie für die Bildung und Verbreitung von Friedenskongressen."

Renommierte Institutionen sollten die Preise vergeben: Die Schwedische Akademie der Wissenschaften, das Karolinska Institut in Stockholm, die Akademie in Stockholm und ein Ausschuss des norwegischen Storthing.

Aber Nobel hatte sein Testament ohne juristischen Beistand aufgesetzt, und daher war es voller formaler Mängel: Er hatte sein Vermögen vermacht, aber wem? Das hatte er nicht gesagt, nur dass bestimmte Körperschaften aus den Zinsen fünf Preise verteilen sollten.

Es gab keine Bestimmungen über die Verwaltung des Fonds, und Nobel hatte einfach vorausgesetzt, dass die genannten Institutionen die Aufgabe der Preisverteilung übernehmen und dass sie fachlich dazu auch in der Lage sein würden. Und was hätte bei einer Weigerung passieren sollen?

Die lange Reihe der Prozesse um Nobels letzten Willen begann mit der Frage nach seinem Wohnort: Im schwedischen Bofors, wo er bei seinem Tode gemeldet war? In Stockholm, wo er Steuern zahlte? Oder Paris, wo er lange Jahre gewohnt und daher trotz seiner schwedischen Staatsangehörigkeit ein Heimatrecht hatte?

Diese Frage war nicht nur wegen der Erbschaftssteuer interessant, sondern auch wegen der gerichtlichen Zuständigkeit für das Testament. Und die französischen Gerichte hätten es sicher aus formalen Gründen für ungültig erklärt. Nach mehreren Instanzen wurde aber für Bofors als Wohnsitz entschieden.

Im nächsten Schritt schlug der schwedische Justizkanzler die Errichtung einer Stiftung nach schwedischem Recht vor, der Nobels Vermögen zufallen sollte. Die königliche Regierung regte daraufhin die nötigen Gesetzesänderungen an und bat die genannten Preisvergabe-Institutionen, die Aufgabe aus Nobels Testament anzunehmen und zu erfüllen. Die Stiftung würde dann die dafür nötigen Ausgaben decken.

Eine solche Erklärung gaben drei der vier Institutionen schon sehr bald ab. Gleichzeitig machten sie Vorschläge zu den Statuten der Stiftung und praktikablen Richtlinien zur Vergabe der Preise. Einzig die Schwedische Akademie der Wissenschaften hielt eine solche Stellungnahme vor Ende aller Prozesse für nicht tunlich.

Ein Jahr lang verhandelten die Testamentsvollstrecker, die Institutionen und Nobels Verwandte, dann schlossen sie einen Vergleich und beendeten damit alle Prozesse um das Testament. Nun erst begannen die eigentlichen Verhandlungen über die Statuten der Nobel-Stiftung.

Im Juni 1900 schließlich wurden sie von der schwedischen Regierung bestätigt und genehmigt. Die ersten Preise wurden 1901 vergeben, und heute ist der Nobel-Preis die renommierteste Auszeichnung überhaupt.

Autor: Carsten Heinisch
   
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