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20.11.1945: Nürnberger Prozess beginnt
Nürnberg im November 1945. Die Stadt der Parteitage, dort, wo Hitler und seine Handlanger sich jährlich feiern ließen, war wie die meisten Großstädte zerstört. Das Justizgebäude in der Fürther Straße war jedoch kaum beschädigt. Dort, in Saal 600 des Schwurgerichtssaals tagte vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 das Internationale Militärtribunal.

Schon während des Zweiten Weltkriegs hatten die Alliierten beschlossen, die nationalsozialistische Elite nach Beendigung des Krieges vor Gericht zu stellen. Seit Oktober 1942 sammelte die Kriegsverbrecherkommission der Vereinten Nationen Beweise und Unterlagen und erstellte Kriegsverbrecherlisten.

Robert Kemper, ein deutsch-amerikanischer Jurist, der in Nürnberg die Anklage vertrat, erinnerte sich später: "Als ich im Jahre 1942 anfing, an diesen Sachen in Amerika zu arbeiten, da haben mich meine amerikanischen Kollegen gefragt: Ja, stimmt das alles, können wir das beweisen? Und ich sagte, das können wir hundertprozentig beweisen. Das war aber gar nicht mal zutreffend. In Nürnberg hab ich später gesehen, das nicht hundertprozentig die Dinge wahr waren, sondern fünfhundertprozentig. Und die Leute haben das ja selbst aufgeschrieben, angefangen von Hermann Göring."

Die Angeklagtenliste

Am 20. November 1945 wurde die Verhandlung gegen die Hauptkriegsverbrecher eröffnet. Die Angeklagtenliste liest sich wie ein "who is who" des Hitler-Regimes: Hermann Wilhelm Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Robert Ley, Wilhelm Keitel, Ernst Kaltenbrunner, …

22 prominente Angeklagte, darunter drei aus dem engsten Führungskreis um Adolf Hitler: Martin Bormann, der seit Kriegsende verschollen war, Hermann Göring und Rudolf Heß, die Militärs Keitel, Jodl, Raeder und Dönitz, die Ministerriege Ribbentrop, Frick, Funk und Schacht, Alfred Rosenberg, der die besetzten Ostgebiete befehligte, Hans Frank, der Generalgouverneur von Polen, Arthur Seyss-Inquardt, der Reichskommissar für die besetzten Niederlande. Fritz Sauckel, der die Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich verschleppte, Albert Speer, der sie als Minister für Munition und Bewaffnung zu Tausenden angefordert hatte.

Die Anklage

Der Schriftsteller Erich Kästner, der zu den wenigen deutschen Prozessbeobachtern gehörte, schilderte seine Eindrücke: "Der Vorsitzende des Gerichts eröffnet die Sitzung. Dann erteilt er dem amerikanischen Hauptankläger das Wort. Die Stimme des Anklägers klingt, als sei sie weit weg. Die Dolmetscher murmeln hinter ihren gläsernen Verschlägen. Alle Augen sind auf die Angeklagten gerichtet. (...) Jetzt sitzen also der Krieg, Pogrom, der Menschenraub, der Mord en gros und die Folter auf der Anklagebank. Riesengroß und unsichtbar sitzen sie neben den angeklagten Menschen."

In vier Punkten hat die Anklage ihre Vorwürfe zusammengefasst:
1. Verschwörung gegen den Weltfrieden
2. Planung, Entfesselung und Durchführung eines Angriffskrieges
3. Verbrechen und Verstöße gegen das Kriegsrecht
4. Verbrechen gegen die Menschlichkeit

"Schuldig" oder "Nicht schuldig"?

Nach dem Verlesen der Anklageschrift wurden die Angeklagten gefragt, ob sie sich "schuldig" oder "nicht schuldig" bekennen. Hermann Göring versuchte, eine längere Erklärung abzugeben und wurde vom Richter unterbrochen:
Göring: "Bevor ich die Frage des Gerichtshofes beantworte, ob ich mich schuldig oder nicht schuldig bekenne..."
Richter: "You must plead guilty or not guilty."
Göring: "Ich bekenne mich im Sinne der Anklage nicht schuldig."

Auch die anderen Angeklagten sahen sich zumindest "im Sinne der Anklage" als "nicht schuldig". Alle erklärten, nur auf Befehl gehandelt zu haben, von den Verbrechen nichts gewusst zu haben und schoben sämtlich die Verantwortung auf den toten Diktator. Keiner verteidigte die Ideologie, unter deren Banner Millionen Menschen überfallen, versklavt oder umgebracht worden waren.


Autorin: Rachel Gessat
   
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