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30.8.1918: Attentatsversuch auf Lenin
Russland seit dem 7. November 1917, ein Land in Aufruhr, im Chaos des Bürgerkriegs. Seit dem erfolgreichen Putsch baut Wladimir Iljitsch Lenin konsequent ein diktatorisches Regierungssystem unter Führung der bolschewistischen Kaderpartei auf. Die Opposition wird radikal unterdrückt.

Doch die Stimmung brodelt. Zusätzlich herrscht Krieg in Europa, den die Deutschen im Osten auch zu gewinnen scheinen. Am 9. Februar 1918 wird der Friedensvertrag zwischen der Ukraine und Deutschland unterzeichnet. Der Druck auf die Bolschewiken wächst, so dass einen Tag später Leo Trotzki als russischer Delegationsleiter das offizielle Ende der Kriegsteilnahme Russlands verkündet und die Friedensverhandlungen ohne Beschluss abbricht.

Die deutsche Oberste Heeresleitung befiehlt den weiteren militärischen Vormarsch gen Osten. Die neue und unstabile russische Regierung muss kapitulieren und die deutschen Forderungen akzeptieren. Der am 3. März unterzeichnete Friedensvertrag zwischen Russland und dem Deutschen Reich wird von Lenin gegen starke innerparteiliche Widerstände geschlossen.

Die Kommunisten brauchen Ruhe - nach außen, um ihre blutige Revolution im Innern durchsetzen zu können. Die Zarenfamilie wird am 17. Juli aus dem Weg geräumt, alle Mitglieder des Königshauses werden in Jekaterinenburg hingerichtet.

Doch schon sechs Wochen später kommt der große Schock für die Revolution. Lenin, Führer der Kommunistischen Partei Russlands, steigt nach einer Versammlung vor Arbeitern in einer Waffenfabrik in sein Auto. Der Chauffeur will gerade den Wagen starten, als plötzlich drei Schüsse auf den Führer der Revolution abgegeben werden.

Zwei der drei Kugeln treffen: Eine Kugel sein linkes Schulterblatt, die zweite geht direkt in die linke Schulter. Lenin sackt zusammen, die Revolutionäre Polizei ergreift sofort die vermeintliche Attentäterin: Fanja Kaplan.

Die 30-jährige Ukrainerin lebt seit 1906 nach einem fehlgeschlagenen Attentat auf den Provinz-Gouverneur als Anarchistin im Untergrund. Zunächst zu lebenslangem Arbeitslager verurteilt, wird sie nach der Februar-Revolution 1917 begnadigt. Jetzt also die Schüsse auf Lenin.

Protokoll der Geheimpolizei vom 30. August 1918, 23.30 Uhr: "Ich heiße Fanja Efimovna Kaplan, das ist der Name unter dem ich im Arbeitslager Akatua als Gefangene geführt wurde. Ich habe heute auf Lenin geschossen. Ich habe aus eigener Überzeugung auf ihn geschossen. Ich habe mehrmals geschossen, ich weiß aber nicht wie oft. Ich werde keine Details über die Waffe verraten. Ich habe auf Lenin geschossen, weil ich ihn als einen Verräter der Revolution sehe und seine Existenz den Glauben an den Sozialismus zerstören wird."

Eine kryptische Aussage, die bis heute Zweifel an der Rolle Kaplans beim Anschlag auf Lenin weckt. Denn Kaplan scheint nur ein Opfer, ein freiwilliges, gewesen zu sein. Zu merkwürdig sind die Indizien, die aus der Revolutionärin eine Mörderin machen sollen.

So gibt es keine Zeugen, die Kaplan tatsächlich haben schießen sehen. Im Jahr 1906 war Kaplan zudem vollständig erblindet, sechs Jahre später hat sie zwar wieder ihre Sehkraft teilweise zurück gewonnen, doch ist sie extrem nahsichtig und von daher nicht als Mörderin geeignet.

Bei der Untersuchung des Tatorts durch den Zarenmörder Yurowski werden vier Patronenhülsen gefunden, obwohl alle Augenzeugen nur von drei Schüssen sprechen. Auch die allzu große Bereitwilligkeit Fanja Kaplans, ihre vermeintliche Schuld einzugestehen, macht misstrauisch.

Eindeutiger Beweis für ihre Unschuld scheint ein medizinisches Dossier aus dem Jahr 1922 zu sein. Da wird endlich die Kugel aus Lenins Schultergelenk entfernt. Die Patrone stammt eindeutig nicht aus dem Browning-Revolver, den die Geheimpolizei in der Handtasche Kaplans als Tatwaffe ausgemacht hatte.

So hält sich denn auch hartnäckig ein anderes Gerücht. Der wahre Attentäter auf Lenin vom 30. August 1918 war ein Mann namens Protopopow, Leiter einer Tscheka-Einheit und ein von der Revolution Enttäuschter. Auch er soll am Tatort festgenommen und noch am gleichen Tag hingerichtet worden sein. Kaplan, die ihn decken sollte, weiß dies nicht und "gesteht" ihre Täterschaft.

Auf jeden Fall macht die Tscheka, die Geheimpolizei und Vorläuferin des KGB, kurzen Prozess mit Kaplan. Am 4. September wird sie um vier Uhr morgens von Pavel Malkow in einer Garage erschossen. Ihre Überreste werden auf Anordnung spurlos vernichtet.

Zu Stalins Zeiten dann reicht es später, mit Nachnamen Kaplan zu heißen. Schnell wird dann die Frage: "Verwandt mit der Kaplan?" zu einer Lebensgefahr in Stalins Terrorreich.

Auf jeden Fall ist der 30. August 1918 ein willkommenes Fanal für die Anführer der Bolschewiken, jetzt erst recht Jagd auf alle Gegner zu machen. Es beginnt der "Rote Terror". Die Opfer: Parteimitglieder der Sozial Revolutionären Partei, die bei den Wahlen wesentlich erfolgreicher abgeschnitten hat als die Kommunistische Partei.

Leo Trotzki schreibt über die Situation: "Die Revolution wurde bemerkenswerterweise nicht durch eine kurze Phase der Ruhe stabilisiert, sondern durch die Bedrohung durch das Attentat."

Autor: Jens Teschke
   
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