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1.2.1977: "Emma"
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Ausgerechnet der "kleine Unterschied" war es, der "Emma" groß gemacht hat. Mit dem Honorar ihres Bestsellers mit diesem provokanten Titel gelang Alice Schwarzer die Gründung der "Emma". Jetzt ist die Schwarzer verrückt geworden, hieß es, mit einer lumpigen Viertelmillion und einer Handvoll Frauen ein Blatt zu gründen, wo man heutzutage für sowas doch Millionen benötigt, von Marktstrategie und Dutzenden von Profis im Stab mal ganz abgesehen!

Alice Schwarzer: "Als ich damals 'Emma' gründete, habe ich natürlich gedacht, na, ich stoße das jetzt mal an, und dann geht das seinen Weg, und man hat über das zweite Jahrtausend hinaus nie nachgedacht. Andererseits, was sind 22 Jahre einer wirklich unabhängigen Zeitschrift, die die Interessen der Frauen vertritt, im Vergleich zu 5000 Jahren Männerherrschaft? Das ist keine lange Strecke. Müssen wir uns wohl noch auf ein bisschen Zeit gefasst machen bei 'Emma'."

Ein kleines Wunder ist es schon, dass es "Emma" nach wie vor gibt. Sie ist unabhängig geblieben, ohne großen Konzern im Rücken, ohne den sonst üblichen Werbeetat. Zum Sensationsstart mit dem Februar-Heft 1977 hatte die Schwarzer die Auflage von 100.000 verdoppeln müssen - "Emma" machte Furore.

Nach Alice Schwarzers zornigem Weltbild sollten Frauen es selbstverständlich finden, die Hälfte der Welt zu fordern - und, na klar, die Hälfte des Hauses an die Männer abtreten. Rumms, das saß! Aber merkwürdigerweise klatschte Frau der "Emma" zunächst weniger Beifall, als vielmehr eine erste Ohrfeige: Teile der Frauenbewegung belegten die Schwarzer und deren Print-Baby mit Boykott.

Alice Schwarzer: "Das ist sehr erstaunlich, dass sogar manche Frauen - nicht nur Männer, da kann man das schon eher verstehen - und sogar einige Feministinnen die 'Emma', bevor sie die überhaupt kannten, gleich schon verbieten wollten. Aber die Zeiten sind ja zum Glück vorbei, wo in Deutschland Zeitschriften verboten werden können.

Also, ich erinnere mich: Das Widerlichste war ein Spruch, so in einem Anarcho-Femi-Blatt. Da hieß es, die Alice Schwarzer will jetzt 200.000 Hausfrauen penetrieren. Dieses Wort 'penetrieren', das kam aus dem 'Kleinen Unterschied', das war ja damals ein Bestseller, nicht, über die Auswirkungen der Sexualität zwischen Männern und Frauen auf die Verhältnisse der Frauen.

Dass ich nun Hausfrauen penetrieren wollte, war ein Ausdruck der besonderen Verachtung dafür, dass ich als Femenistin kein Interesse hatte, in diesen feinen, elitären Zirkeln sitzen zu bleiben und zu diskutieren, wo jeder eh schon dasselbe denkt, sondern dass mich immer schon interessiert hat - und so ist es ja auch geblieben -, mich an maximal viele Menschen, Frauen und Männer, zu wenden."

Der Erfolg ist inzwischen zwar auf eine verkaufte Auflage von 50.000 bis 60.000 geschrumpft, Alice Schwarzer aber ist nirgendwo mundtot zu kriegen. Kanzler Schröder hat sie nach dessen Wahlerfolg 1998 prompt an gewisse Wahlkampfversprechen erinnert, an die Einführung der Abtreibungspille etwa, sehr zum öffentlich gemachten Verdruss des Kölner Kardinals Meisner. Der trägt ab und zu zwar auch einen Rock, sein Wettern gegen die Pille hält die Schwarzer angesichts 200.000 Frauen, die jährlich an Pfusch-Abtreibungen sterben, gleichwohl für skandalös. Da sieht Alice Schwarzer mal wieder Handlungsbedarf:

"Das besondere von 'Emma' ist, dass sie nicht nur informiert, berichtet, aufklärt. Das ist schon eine ganz verdienstvolle Sache, was nicht mehr so ganz verbreitet ist in den Medien. Aber dass wir wirklich nicht nur schreiben, sondern dass wir auch handeln; dass wir eben immer wieder auch Dinge auslösen, in Gang setzen. Also, ich meine, berichten hat 'Emma' nie genügt. Wir haben immer auch handeln wollen. Und so wird es auch bleiben."

"Emma", das ist der Schwarzer Mundwerk und Transportmittel zugleich. Etwa wenn sie die Potenzpille Viagra als Förderungsmittel des männlichen Narzismus verspottet - Schwarzer: "Jedes Würstchen ein Tarzan." Typisch "Emma", typisch Schwarzer. Das Flintenweib, die böse Hexe, die Frauen-Rächerin in Schwarz, sie sieht den Versuch gescheitert, "Emma" in den Schmollwinkel der Zukurzgekommenen, der Frustrierten zu schieben. "Emma", sagt sie, hat sich die Freude am Leben erhalten.

Autor: Norbert Nürnberger
   
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