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20.8.1952: Kurt Schumacher gestorben
Kurt Schumacher: "Die Sozialdemokratische Partei betrachtet die deutsche Bundesrepublik als Grundlage für die deutsche Einheit. Der Versuch, die von Sowjetrussland gelenkten nationalkommunistischen Strömungen zu Trägern der deutschen Einheitsbewegung zu machen, würde in der Form der Einheit einer russischen Provinz enden, aber nicht zur deutschen Einheit führen. Die deutsche Einheit ist nur möglich auf der demokratischen Grundlage der persönlichen und staatsbürgerlichen Freiheit und Gleichheit und der Gleichartigkeit der staatlichen Machtmittel in allen vier Besatzungszonen. Um die Bundesrepublik in Westdeutschland zum Ausgang einer solchen Politik machen zu können, muss sie nach innen und außen politische Freiheit haben und ein Staat politischer Gerechtigkeit werden. Nur so kann sie die unwiderstehliche Anziehungskraft auf den deutschen Osten ausüben."

So der erste Vorsitzende der SPD in der Nachkriegszeit, Kurt Schumacher, in einem Wahlaufruf am 13. August 1949, am Vorabend der Wahl zum ersten Deutschen Bundestag.

Kurt Schumacher wurde 1895 als Sohn eines Kaufmann-Ehepaares in Westpreußen unweit der deutsch-polnischen Grenze geboren. In kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, wurde er durch das Erlebnis des Ersten Weltkrieges zum überzeugten Sozialisten. Nach dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften promovierte Schumacher - und das sollte wohl wegbestimmend für ihn sein - mit dem Thema "Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung".

1924, mit 29 Jahren, wurde er für die SPD in den Landtag von Württemberg, 1930 in den letzten frei gewählten Reichstag gewählt.

Nach der Machtübergabe an die Nazis im Januar 1933 hatten die Hitler-Anhänger ihm nicht verziehen, dass er ein Jahr zuvor Goebbels im Reichstag vorgeworfen hatte: "Die NSDAP lebt nur vom inneren Schweinehund im Menschen." Ebenso wenig hatten sie vergessen, dass es Schumacher war, der wesentlichen Anteil an der Ausarbeitung der letzten historischen Rede des SPD-Vorsitzenden Otto Wels hatte, die dieser im Reichstag bei der Debatte um das Ermächtigungsgesetz hielt. Dafür musste Kurt Schumacher büßen.

Mit zwei kurzen, gesundheitlich bedingten Unterbrechungen, verbrachte er die Jahre 1933 bis 1945 in verschiedenen KZs. Im Mai 1946 wurde er mit großer Mehrheit zum Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gewählt. In diesem Amt wurde er bald zum "sozialen Gewissen des wieder auferstandenen Deutschlands" und zum bekanntesten deutschen Politiker. Umso mehr musste er enttäuscht sein, dass er bei der Wahl zum ersten deutschen Bundeskanzler seinem Kontrahenten von der CDU, Konrad Adenauer, unterlag.

Bis zu seinem Tod am 20. August 1952 hatte er an dieser Bürde zu tragen. Mit aller Energie stellte er sich gegen die restaurativen Kräfte der Nachkriegszeit. Durch sein Äußeres, das die Qualen und Entbehrungen verriet, die er unter den Nazis erlitten hatte, konnte er als Sinnbild des geschlagenen und leidenden Deutschlands gelten.

Bei alledem war er jedoch ein scharfzüngiger Redner und Denker, dessen Rhetorik seine politischen Gegner fürchteten. In seiner sich selbst auferlegten Disziplin und Pflichterfüllung war Schumacher sowohl ein überzeugter Sozialist als auch zugleich die Verkörperung des legendären Preußentums.

Seine langjährige politische Weggenossin und stützende Lebensgefährtin Annemarie Renger, von 1972 bis 1976 Präsidentin des Deutschen Bundestages, über die Persönlichkeit Kurt Schumachers:

"Seine moralische, politische Persönlichkeit wirkte an sich für dieses Land. Dass die politischen Kräfte nachher andere waren, ist nicht entscheidend. Er hat die Grundlage gelegt, dass dieses Volk wieder zu sich selbst gefunden hat, als keiner mehr an es glaubte - und es selbst am aller wenigsten."

Wie schätzt Annemarie Renger die politisch-moralischen Verdienste Kurt Schumachers ein, gewissermaßen seine historische Bedeutung?

"Schumacher hat nach 1945 - als einer der wenigen, die zehn Jahre gelitten haben für ihre politische Gesinnung - nicht etwa mit Hass oder Feindschaft dieses Volk gesehen, das ja zum großen Teil eben NS gewählt hat und auch nachher gewesen ist, sondern er hat dieses Volk als ein verführtes Volk gesehen, das man in die Völkergemeinschaft wieder einführen muss. Und wenn dieser schreckliche Krieg überhaupt einen Sinn gehabt haben könnte, nämlich den Nationalsozialismus von der Geschichte wegzuwischen, dann dürfte diese Volk nicht nur die Leiden in Anspruch nehmen, sondern musste auf einen Weg geführt werden, auch wieder als ein gleich berechtigtes Volk in dieser Welt wieder eingeführt zu werden."

Autor: Ewald Rose
   
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