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31.3.1991: Auflösung des Warschauer Paktes
Geliebt wurde er zu Lebzeiten nur von wenigen. Als er dahinsiechte, war's ein langes Sterben, Wiederbelebungsversuche waren zwecklos und seine Beerdigung war schließlich eine der dritten Klasse. Und eine Träne weinte ihm auch keiner nach - ihm, dem Warschauer Pakt, der Militärorganisation des Ostens - außer vielleicht den Generälen aus den sowjetischen Kommando-Stäben.

Seine militärischen Strukturen hörten mit dem Ablauf des 31. März 1991 auf zu existieren. Und als er zu Grabe getragen wurde auf einem Treffen der Außen- und Verteidigungsminister des Bündnisses, Ende Februar 1991 in Budapest, da glänzten die Vertreter seiner Führungsmacht, die sowjetischen Minister Bessmertnych, Äußeres, und Jasow, Verteidigung, durch Abwesenheit.

Oder war es ihnen gar zu peinlich? Denn ausgerechnet hier, ausgerechnet in der ungarischen Hauptstadt Budapest, in der 35 Jahre zuvor sowjetische Panzer blutig den Volksaufstand niedergewalzt hatten, endete die einst Schrecken verbreitende Organisation. Und das auch noch im Ballsaal eines amerikanischen Luxus-Hotels.

Knapp 36 Jahre zuvor, am 14. Mai 1955, in der Stadt gegründet, die ihm seinen Namen gab, war der Warschauer Pakt die Antwort des Ostens an die NATO, genauer gesagt auf die Pariser Verträge, die Bewaffnung der Bundesrepublik und ihre Einbeziehung in NATO und WEU.

Zu den Gründungsmitgliedern gehörten neben der Sowjetunion: Albanien, Bulgarien, die DDR, Polen, Ungarn, Rumänien und die CSSR. Rein formal gesehen war der Pakt ein - unter Berufung auf die Satzung der Vereinten Nationen - regionales Abkommen zwischen gleichberechtigten Partnern zur kollektiven Selbstverteidigung gegen einen ausländischen Aggressor. In Wirklichkeit war er militärisch wie politisch ein Instrument sowjetischer Außenpolitik und Disziplinierung seiner Mitglieder.

Das mussten bereits ein Jahr nach seiner Gründung die Ungarn bitter erfahren, die für ihr Streben nach Unabhängigkeit einen hohen Blutzoll bezahlten. Und vollends decouvrierte sich die Organisation am 21. August 1968 als das, was sie wirklich war: Als ein Machtmittel in den Händen sowjetischer Hegemonialpolitiker, die zu allem fähig waren:

"Die Nachricht aus Prag vom Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei. Ein Land und seine Führung werden gedemütigt, der politische Frühling beendet, seine Militärstruktur, die zur verlässlichsten und kompetentesten im Bündnis gehörte, zerschlagen. Moskau versuchte, den Überfall mit der These von der 'begrenzten Souveränität' sozialistischer Staaten im Falle einer Gefahr für ihre Gemeinschaft - auch bekannt als "Breschnew-Doktrin" - zu verbrämen."

Der damalige US-amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson nannte das Vorgehen beim Namen: "Nämlich als einen eklatanten Bruch des Völkerrechts und der Charta der Vereinten Nationen."

Die Rechnung der Sowjetunion ging nicht auf. Es begann zu rumoren im Bündnis: Die Albaner verließen es aus Protest, die Rumänen hatten an der Invasion auch nicht teilgenommen. Es folgten in den kommenden Jahren Schritte zur Reorganisation des Paktes. Sie waren im Grunde nur Gesten, die den Eindruck stärkerer Mitsprache der Mitglieder erwecken sollten.

Doch letztlich blieb der Pakt, was er war: Ein Instrument sowjetischer Außenpolitik in den relativ entspannten siebziger Jahren. Ein Propaganda- und Abschreckungsinstrument zu Beginn der Achtziger gegen NATO-Doppel- und Nachrüstungsbeschluss.

Es war das letzte Aufbäumen eines marode gewordenen Kolosses, dessen Agonie mit Gorbatschows Reformkurs begann, sich mit den politischen Umwälzungen in der DDR, in Bulgarien und Rumänien fortsetzte; der mit dem Rückzug sowjetischer Truppen aus Ungarn und der Tschechoslowakei und schließlich mit Gorbatschows Zustimmung zu einem der NATO angehörenden vereinten Deutschland sein Existenzrecht verlor.

Mit dem 31. März 1991 endete seine militärische Struktur. Drei Monate später wurde in Prag das Protokoll zur "Beendigung des Vertrages über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand", so sein offizieller Titel, unterzeichnet. Und ausgerechnet hier, wo unter seinen Panzerketten der Prager Frühling getötet wurde, fanden die papiernen Überreste des Bündnisses ihre letzte Ruhestätte.

Acht Jahre später treten Tschechien, Polen und Ungarn der NATO bei.

Autorin: Christa Kokotowski
   
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