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24.7.1848: Polen-Debatte in der Paulskirche
"Was ist des Deutschen Vaterland? / Ist's Preußenland, ist's Schwabenland? / Ist's wo am Rhein die Rebe blüht? / Ist's wo am Belt die Möwe zieht?"

So fragte der Dichter Ernst Moritz Arndt, und so fragte sich auch die verfassungsgebende Versammlung 1848, das so genannte Paulskirchenparlament. Dies war nach den revolutionären Unruhen der Vormonate in Frankfurt zusammengekommen, um über eine gesamtdeutsche Verfassung zu debattieren, die die Länder des deutschen Bundes vereinen sollte. Aber welchen Umfang sollte das deutsche Reich haben?

"Was ist des deutschen Vaterland? / So nenne mir das große Land! / So weit die deutsche Zunge klingt / Und Gott im Himmel Lieder singt, / Das soll es sein."

Sprache und Nationalität, das waren für viele die ausschlaggebenden Kriterien. Doch Nationalität und Staatsgebiet ließen sich kaum ohne Konflikt mit den Nachbarn zur Deckung bringen. Sowohl in Österreich als auch auf preußischen Gebiet lebten eine Menge Nichtdeutsche, besonders seit Polen 1795 unter Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt worden war.

Am 24. Juli 1848 begann die so genannte "Polendebatte" im Frankfurter Parlament, bei der sich Vertreter der nationaldemokratischen und der nationalantagonistischen Richtung gegenüber standen.

Der Hintergrund: Preußische Truppen hatten Anfang Mai den polnischen Aufstand in der Provinz Posen niedergeschlagen und zwei Drittel der Provinz als Deutsch-Posen abgetrennt. Dadurch brach die preußische Regierung ihr früheres Versprechen, Polen auf nationaler Ebene zu reorganisieren.

Die Nationaldemokraten, die das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung vertraten, wollten dieses Recht auch den Polen zugestehen. Sie stellten deshalb am 24. Juli 1848 den Antrag, die Zugehörigkeit der Provinz Posen zum Deutschen Bund nicht zu akzeptieren.

Die nationalantagonistische Richtung im Parlament, vertreten von dem rechten Zentrum und den Rechten stand dagegen für eine Behauptung deutscher Machtinteressen auch auf Kosten der Souveränität der Nachbarvölker.

"Das ist des Deutschen Vaterland / Wo Zorn vertilgt den welschen Tand / Wo jeder Franzmann heißet Feind /Wo jeder Deutsche heißet Freund / Das soll es sein - das ganze Deutschland soll es sein."

Über die Frage, ob die von Preußen vorgenommene Teilung von Posen rechtmäßig sei und ob der abgetrennte deutsche Teil Posens in den Deutschen Bund aufgenommen werden solle, kam zu einer großen Konfrontation zwischen den Abgeordneten Arnold Ruge von der Linken und Wilhelm Jordan von den Rechten. Ruge hielt ein flammendes Plädoyer, die preußische Annektierung Posens nicht zu billigen:

Ruge: "Die Einverleibung Posens in den Deutschen Bund, wäre der Ausspruch, dass wir die polnische Nation, wovon Posen ein Teil ist, nicht bestehen lassen wollen. (...) Die deutsche Nation soll nicht die Schmach auf sich laden, dass sie die Teilung Polens vollzieht und die Unterdrückung dieser notwendigen Nation dekretiert. An der Ehre Deutschlands ist es, dass Deutschland die Freiheit nach Osten propagiere und nicht an den Grenzen von Russland und Polen damit stehen bleibe. An unserer Ehre ist es, dass wir aufhören, Unterdrücker zu sein."

Der rechte Abgeordnete Jordan entgegnete im Sinne von Real- und Machtpolitik:

Jordan: "Ich bemerke sogleich, dass ich es verschmähe, mich auf eine juristische Widerlegung jenes Verlangens einzulassen, obgleich sie möglich ist. Nein, ich gebe es ohne Winkelzüge zu: Unser Recht ist kein anderes als das recht des Stärkeren, das Recht der Eroberung. (...) Polen nur deswegen wiederherstellen zu wollen, weil uns sein Untergang mit gerechter Trauer erfüllt, das nenne ich eine schwachsinnige Sentimentalität."

Die Rede Jordans gilt seither als unrühmliches Beispiel für immanenten aggressiven Nationalismus der deutschen Revolution.

Bei der Abstimmung folgte die Mehrheit der Abgeordneten der nationalantagonistischen Position Jordans. Sie akzeptierte damit die Annektierung Posens und zeigte, dass wenig von der Polenbegeisterung des Vormärz übrig geblieben war. Damals war die Wiederherstellung Polens als selbständiger Staat von Liberalen, Demokraten und weiten Teilen der Öffentlichkeit als politisches Ziel gesehen worden.

Autorin: Rachel Gessat
   
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