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4.7.1913: PVC patentiert
Wer war Fritz Klatte? In einigen wenigen Quellen wird er als "Wegbereiter des Kunststoffzeitalters" gerühmt, aber seine Biografie und seine Leistungen bleiben im Dunkeln. Wer also war Fritz Klatte?

In einer heimatkundlichen Chronik der norddeutschen Stadt Diepholz findet man weiterführende Informationen. Hier wurde Fritz Klatte 1880 geboren, und hier lernte er nach seiner Schulzeit Apothekengehilfe. Nach seinen Lehr- und Wanderjahren studierte er zunächst Pharmazie, dann Chemie.

1908 begann er, frisch promoviert, als Forschungschemiker in einem Industrielabor. Dort machte er eine Erfindung, die unser aller Leben in mannigfacher Beziehung geändert hat: Er erfand den Herstellungsprozess des heute massenmäßig wichtigsten Kunststoffs der Welt, das Polyvinylchlorid, kurz PVC.

Das Patent

Klatte ging von einer Untersuchung des Gases Acetylen aus. Heute ist es fast nur noch als Schweißgas bekannt, damals war es ein wichtiger Grundstoff der technischen Chemie. Wissenschaftlich und wirtschaftlich interessant wurden Klattes Arbeiten, als ihm am 4. Juli 1913 das Patent auf ein "Verfahren zur Herstellung technisch wertvoller Produkte aus Vinylestern" zugesprochen wurde, für die er Acetylen und Chlorgas als Rohstoff verwendete.

Mit diesem Patent begann das Kunststoffzeitalter: Es beschreibt erstmals die Erzeugung von neuen Werkstoffen aus voll synthetischen Rohstoffen durch Polymerisation. Dabei werden die ganz einfach gebauten Moleküle der Ausgangsgase trickreich dazu gebracht, sich zu immer größeren Molekülen zu vereinigen. So bildet sich aus Chlor und Acetylen die Substanz Vinylchlorid, und daraus entsteht durch Polymerisation das Polyvinylchlorid, das PVC.

Kunststoff mit vielseitigen Eigenschaften

Doch obwohl dieser Stoff schon während des Ersten Weltkriegs in mehreren Dutzend Tonnen pro Jahr hergestellt wurde und Klatte schon in seiner Patentschrift verschiedene Anwendungsmöglichkeiten genannt hatte, war PVC damals noch nicht der Kunststoff mit seinen vielseitigen Eigenschaften, als den wir ihn heute kennen. PVC wurde damals vielmehr zur Entsorgung des hochgiftigen Chlorgases eingesetzt, das bei der Herstellung des wichtigen technischen Grundstoffs Natronlauge entsteht.

Heute wird PVC wird nicht mehr zur Entsorgung von Chlor eingesetzt, im Gegenteil erzeugt man heute Chlor, um PVC herzustellen. Darauf geht sein schlechter Ruf zurück, denn bei der Verbrennung von PVC wird das ätzende Chlorgas wieder frei, und auch das Supergift Dioxin kann dabei entstehen. Und die Stoffe, die man der Rohmasse zusetzen muss, damit sie sich leichter verarbeiten lässt und der fertige Kunststoff elastischer wird, sind ökologisch ebenfalls nicht unbedenkliche Schwermetalle.

Davon abgesehen, hat PVC aber viele günstige Eigenschaften, und vor allem: Es ist billig. Nicht zuletzt deshalb werden weltweit jährlich Millionen Tonnen PVC hergestellt und zu Hunderten von Produkten verarbeitet, vom Fensterrahmen bis zu Verpackungsfolien.

Massenkunststoff PVC

Diesen Aufstieg des PVC zum Massenkunststoff hat Fritz Klatte aber nicht mehr erlebt. 1917 erkrankte er an Tuberkulose und verbrachte mehrere Jahre in verschiedenen Lungensanatorien. In den Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verfolgte sein Unternehmen die Arbeiten an den Kunststoffen nicht weiter, die Patente verfielen. Ab 1930 verschlechterte sich Klattes Gesundheitszustand immer mehr. Er starb 1934 in einem Sanatorium bei Klagenfurt.

Und während PVC sich immer weiter in unserer Welt verbreitete, geriet sein Erfinder Fritz Klatte in Vergessenheit. Erst spät würdigte man ihn als "Pionier der Kunststoffchemie" mit einer Gedenktafel an seinem Geburtshaus. Die Tafel besteht, wie könnte es anders sein, aus PVC.


Autor: Carsten Heinisch
   
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