Kalenderblatt dw.com
 
30.6.1934: Ernst Röhms Ermordung beschlossen
Sein Schicksal ist ihm noch unbekannt, als der Stabschef der SA und einer der frühesten Wegbereiter Adolf Hitlers in Ungnade fällt - das Todesurteil. Röhm, ein typischer Vertreter eines Angehörigen der verlorenen Generation aus dem Ersten Weltkrieg, glaubt an die nationalsozialistische Idee, als er sich bereits 1918 von dieser Idee begeistern lässt.

Mit Hitler kommt er dann bereits 1919 in Verbindung, und beide werden enge Freunde, er ist einer der wenigen, die Hitler duzen dürfen. Röhm ist ein Abenteurer, jemand, der bereits im Ersten Weltkrieg drei Mal verwundet wird, seine halbe Nase einbüßt und von der Kameraderie der Frontsoldaten schwärmt. Hinzu kommt eine Portion krimineller Energie, die sich hinter national-revolutionärer Maskerade verbirgt.

Der untersetzte, stämmige Mann zeigt eine grenzenlose Verachtung für das so genannte Pharisäertum und Heuchelei des bürgerlichen Lebens. In den frühen Jahren der NS-Bewegung erweist sich der Reichswehrhauptmann als unersetzlicher Organisator, der die NSDAP zahlreiche Anwärter zuführt.

Bereits 1924 wird er von der Deutsch-völkischen Freiheitspartei in den Reichstag entsendet, wird Organisator des NS-Wehrverbandes "Frontbann". Er verbringt anschließend zwei Jahre als Truppenausbilder in Bolivien und wird 1930 von Hitler zurückberufen, um das Kommando der Sturmabteilung, kurz SA genannt, zu übernehmen.

Röhm scheut sich nicht, aus dieser Sturmabteilung eine Volksarmee von Straßenkämpfern, Schlägern und Raufbolden zu machen. In seiner Sicht "erfolgreich": Von 70.000 im Jahr 1930 steigt die Mitgliederzahl der SA innerhalb eines Jahres auf 170.000.

Der Grund für den Zulauf: immer mehr Arbeitslose und aus der Bahn Geworfene melden sich freiwillig. Für Ernst Röhm ist diese so genannte "Plebejerarmee" der Kern der nationalsozialistischen Bewegung, die "Verkörperung und Garantie einer permanenten Revolution" sowie jenes Kasernensozialismus, den er während des Ersten Weltkrieges kennen lernte.

In der Tat spielt die SA bei Hitlers Aufstieg zur Macht zwischen 1930 und 1933 eine unschätzbare Rolle, gewinnt durch die Eroberung der Straße gegen kommunistische Kampftrupps und schüchtert politische Gegner ein.

Doch bereits Ende 1933 - die SA zählt mittlerweile mehrere Millionen Mitglieder- macht sich eine kleine Enttäuschung breit. Die SA fühlt sich um den Lohn ihrer Mühen betrogen, und Männer wie Röhm, die noch immer vom Soldatenstaat sowie Vorrang der Soldaten über Politiker träumen, sind über die zunehmende Bürokratisierung der NS-Bewegung erbittert.

Der Traum des Ernst Röhm ist eine Zweimännerherrschaft mit Hitler als politischen Führer, während er selbst sich als Generalissimus an der Spitze einer riesigen Streitmacht sieht, die aus einer Verschmelzung von SA und regulärer Armee hervorgehen soll. Als SA-Chef, Reichsminister ohne Geschäftsbereich und bayrischer Staatsminister befindet sich Ernst Röhm Ende 1933 noch immer in einer starken Position, doch verschenkt er seine Trumpfkarten leichtfertig.

Hitlers Konzept einer allmählichen Revolution unter dem Mantel der Legalität steht er verständnislos gegenüber. Er hält an dem Geist der Kampfzeit fest und renommiert offen mit einer bevorstehenden revolutionären Machtübernahme im Staat. Seine volksnahe Demagogie stößt die bürgerliche Mittelschicht ab, verunsichert die Militärs und bereitet den Großindustriellen an Rhein und Ruhr Sorgen, auf deren Unterstützung Hitler angewiesen ist.

Röhms Forderung, die SA zu einem selbstständigen Volksheer unter seiner eigenen Führung auszubauen, alarmiert die Reichswehrgeneräle, die für Hitlers langfristige Pläne nicht weniger unentbehrlich sind. Hitler warnt Röhm vor "Revoluzzertum" - doch dann fällt die Entscheidung, Röhm und seinen engsten Anhang zu liquidieren.

Röhms Verhalten und das seiner Umgebung mit ihren homosexuellen Trinkgelagen machen es seinen Gegnern leicht. Der arglose Röhm, der keinerlei Verdacht hegt, wird am 30. Juni 1934 im Hotel Hanselbauer in Bad Wiessee am Tegernsee, wo er gerade mit anderen SA-Führern feiert, mitten in der Nacht von Hitler und einer kleinen Truppe von NS-Führern aus den Betten geholt.

Ernst Röhm wird in die Strafanstalt Stadelheim verfrachtet und zwei Tage später erschossen, weil er sich weigert, Selbstmord zu begehen. Das als "Nacht der langen Messer" bezeichnete Blutbad kostet 85 Personen das Leben, die zum Teil mit Röhm nicht das geringste zu tun hatten.

Autorin: Doris Bulau
   
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Ein hübsches Kompliment ist eine glaubwürdige Übertreibung.
  > Peter Alexander
> RSS Feed
  > Hilfe
Woher stammt Peter Alexander?
  Bayern
  Österreich
  Schweiz