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27.6.1933: DVP und DNVP lösen sich auf
Franz von Papen zeigt sich nach dem 30. Januar 1933 zufrieden: Das Koalitionskabinett aus NSDAP, Deutsch-Nationaler Volkspartei und Stahlhelm besteht nur aus drei Nationalsozialisten. Reichskanzler Adolf Hitler, Innenminister Wilhelm Frick und Hermann Göring, alle drei ohne Erfahrung in nationalen Regierungsämtern.

Die Weimarer Politiker glauben, dass sich die Parvenus in den Niederungen des politischen Alltagsgeschäfts mit Weltwirtschaftskrise und sechs Millionen Arbeitslosen aufreiben würde; dass es ihnen nicht anders ergehen würde, wie den übrigen 14 Regierungen der Weimarer Republik, die vor den Schwierigkeiten kapitulieren mussten.

Die NSDAP würde so ihren Glanz des Erneuerers verlieren, den die Partei seit dem 14. September 1930 besitzt. Damals haben 6,5 Millionen Deutsche die Hitler-Partei gewählt, die damit nach der SPD zur zweitstärksten Kraft im Reichstag wird. Gleichzeitig hat die DVP, die Partei des Friedensnobelpreisträgers Gustav Stresemann, eine Million Stimmen verloren und die DNVP des Medienzaren Alfred Hugenberg gar zwei Millionen Stimmen eingebüßt.

Reichskanzler Heinrich Brüning hat panische Angst vor den Kommunisten, die NSDAP aber hat er nicht auf der Rechnung.

Zwei Jahre später, am 27. Juli 1932, wenige Tage vor der nächsten Reichstagswahl am 31. Juli, kündigt Hitler im Berliner Grunewaldstadion an, was er mit den übrigen Parteien vorhabe, wenn er an die Macht komme:

Hitler: "Sie werfen der NS-Bewegung vor, keine anderen Parteien neben sich zu dulden. Ich bekenne hier vor ihnen und der ganzen deutschen Nation, dass es wirklich unser Ziel ist, aus Deutschland diese 30 Parteien hinauszuwerfen."

Die Nationalsozialisten erhöhen bei der Wahl im Juli 1932 ihre Mandate von 107 auf 230. Hitlers Weg zur Macht scheint unaufhaltsam. Reichspräsident Hindenburg jedoch mag den Gefreiten nicht und will dessen Kanzlerschaft verhindern.

Hindenburgs Günstling, der Zentrumspolitiker und Vorvorgänger Hitlers als Kanzler Franz von Papen, weiß indes, dass keine Regierung ohne Unterstützung der Nationalsozialisten auskommt. Sein Konzept: Hitler den Posten zu geben, den dieser begehrt. Er müsse die Macht jedoch mit Männern teilen, die imstande seien, ihn zu bremsen.

Von Papen, ein adliger Opportunist von geringen intellektuellen Fähigkeiten, glaubt, dass er und der mächtige Medienindustrielle von der DNVP, Hugenberg, solche Männer seien.

Franz von Papen: "Wir rahmen Hitler also ein."

Versichert von Papen und fügt hinzu: "Wir haben ihn uns engagiert. Ich habe das Vertrauen Hindenburgs. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht."

Darauf vertraut auch das Ausland, das von der Ernennung Hitlers ansonsten keine große Notiz nimmt.

Alfred Hugenberg hat jedoch spätestens am 11. Februar 1933 bei einer Wahl Kundgebung der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot im Berliner Sportpalast eine düstere Vorahnung:

Alfred Hugenberg: "Heute stehen die verschiedenen Teile der nationalen Bewegung in einer Front, und ich hoffe, sie bleiben in diesem Bündnis vereint wie sie es geschworen haben."

Die Hoffnung scheint berechtigt, gilt die rechtskonservative DNVP doch als Schwester im Geiste der Nationalsozialisten. Unter dem Dach der DNVP findet sich nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches am 24. November 1918 die zersplitterte Rechte aus Freikonservativen, Deutschkonservativen, Alldeutschen, Christlichsozialen und Deutschvölkischen zusammen.

Sie unterstützen die politischen und wirtschaftlichen Interessen der alten Elite des Kaiserreiches und fordern die Wiederherstellung der Hohenzollern-Monarchie. Sie glauben an Hindenburgs "Dolchstoß-Legende" und weisen die Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg zurück. Sie fordern die Außerkraftsetzung des Versailler Vertrages und die Rückgabe der abgetretenen Gebiete wie auch der ehemals deutschen Kolonien.

Über die auflagenstarken Zeitungen des Hugenberg-Konzerns und über dessen Materndienst, der den meisten deutschen Lokalzeitungen Druckvorlagen für den Politikteil liefert, werde die antidemokratische, antisemitische und antirepublikanische Politik der DNVP bis in den letzten Winkel Deutschlands getragen. Die Hugenberg-Presse bejubelt die Ermordung Matthias Erzbergers und bedauert auch den Tod Walter Rathenaus nicht.

Die DNVP, die die Weimarer Verfassung ablehnt, gleichwohl an mehreren Regierungen beteiligt ist, wird zum wichtigsten Totengräber der Weimarer Republik und damit zum "Steigbügelhalter" Hitlers.

Es nützt ihr nichts. Nach der vorerst letzten demokratischen Wahl in Deutschland am 5. März 1933, bei der die DNVP immerhin noch auf gut drei Millionen Stimmen kommt, macht Hitler mit seiner Ankündigung ernst. Das Ermächtigungsgesetz ist der Hebel, alle ihn hemmenden Institutionen auszuschalten; in erster Linie die Parteien.

Das Schicksal der KPD ist schnell besiegelt. Die SPD, die gegen Ermächtigungsgesetz gestimmt hat, wird am 22. Juni zur staats- und volksfeindlichen Organisation erklärt. Hugenbergs DNVP zwingt Hitler am 27. Juni 1933 zur Selbstauflösung. Nur zwei Tage später verschwindet die zur Splitterpartei gewordene wirtschaftsliberale DVP ebenfalls durch Selbstauflösung von der politischen Landkarte.

Mit ihrem prominenten Gründer, dem Friedensnobelpreisträger Gustav Stresemann, stand sie für den Wandel von Revisionisten und Antidemokraten zu Vernunftrepublikanern, die der Republik eine Zeit der relativen inneren Ruhe und außenpolitischen Anerkennung beschert hat.

Den seit 1920 anhaltenden Stimmenverlust an die DNVP und die NSDAP kann jedoch auch der 1928 verstorbene Stresemann nicht aufhalten. Dessen einziger Trost, meint der amerikanische Historiker Gordon Craig, sei wohl gewesen, dass die DVP noch zwei Tage länger als die DNVP existiert.

Autor: Frank Gerstenberg
   
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