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22.6.1940: Waffenstillstand in Compiègne
Der Westfeldzug gegen Frankreich einschließlich der Niederlande, Belgien und Luxemburg war nach nur sechs Wochen beendet. Was im Zwei-Fronten-Krieg 1914/1918 der deutschen Führung als kriegsentscheidend erschienen wäre, die Ausschaltung der französischen Militärmacht und die Eroberung der Kanalküste, war im ersten Anlauf erreicht. Der nationalsozialistische Diktator Hitler sah sich als Größter Feldherr aller Zeiten.

Jetzt sollte die Demütigung auch vollständig sein: Hitler ordnet an, dass die Waffenstillstandsverhandlungen im Walde von Compiègne bei Paris genau an der Stelle und im selben Waggon stattfinden sollten, in dem der französische General Foch am 10. November 1918 den Deutschen die Kapitulationsbedingungen diktiert hatte.

Deutsche Soldaten brechen das Museum auf und schieben den Waggon Nummer 24 19 D auf die Waldlichtung nahe der kleinen Ortschaft Réthondes. Hitler setzt sich am 21. Juni auf den Platz von Marschall Foch. Der 84-jährige Regierungschef Marschall Henri Philippe Pétain, französischer Oberbefehlshaber im Ersten Weltkrieg, muss auf dem Stuhl Matthias Erzbergers, der die deutsche Kapitulation unterzeichnet hatte, Platz nehmen.

Frankreichs Schicksal besiegelt

Hitler lässt durch Generaloberst Wilhelm Keitel die deutschen Forderungen verlesen. Am 22. Juni 1940 um 18.55 Uhr, nach eineinhalbtägigen Verhandlungen, ist das Schicksal Frankreichs vorerst besiegelt. Keitel, Chef der deutschen Delegation, und General Charles Huntzinger unterzeichnen das Waffenstillstandsabkommen. Es spaltet Frankreich in einen besetzten Nordteil und in eine unbesetzte südliche Zone.

Drei Fünftel des französischen Territoriums mit den bedeutendsten Industriestädten und der Atlantikküste gerät direkt unter deutsche Militärverwaltung. Für Elsass-Lothringen wird eine Zivilverwaltung eingerichtet. Das unbesetzte Restgebiet im Süden mit der neuen Hauptstadt Vichy verbleibt unter französischer Regierung.

Allerdings verpflichtet sich Pétain, offiziell "Chef des Französischen Staates", zur Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich. Frankreich wird zur Demobilisierung gezwungen. Die Franzosen behalten ein Freiwilligenheer mit eingeschränkter Verfügungsgewalt der Flotte und eine kleine Luftwaffe.

Das Vichy-Regime

Deutschland fühlt sich unbesiegbar. Radiochef Hans Fritsche kommentiert wenige Tage später im Großdeutschen Rundfunk: "Das Sprichwort 'Hochmut kommt vor dem Fall' hat sich so bewahrheitet, wie es wohl selten offenbar geworden ist. Denn mit welch borniertem Hochmut haben diese Leute sich selbst in den Glauben an einen sicheren Sieg über Deutschland hineingeredet? Taten sie doch zunächst so, als ob es nur eines kleinen polnischen Widerstandes bedurft hätte, um uns aus dem Anzug zu stoßen."

Pétain verspricht seinen Landsleuten, die französische Nation wieder einigen und durch Wohlverhalten gegenüber den Deutschen das Land vor weiteren Übergriffen bewahren zu wollen. Schriftsteller wie André Gide haben Zweifel. Am 24. Juni 1940, nach der Ansprache Pétains an das französische Volk, fragt er: "Ist es möglich? Hat Pétain da selbst gesprochen? Frei? Wie kann man von einem 'intakten Frankreich' sprechen, nachdem man dem Feind über die Hälfte des Landes ausgeliefert hat? Wie soll man sich nicht von ganzem Herzen der Erklärung des Generals de Gaulle anschließen? Genügt es Frankreich nicht, dass es besiegt ist? Muss es sich überdies noch entehren?"

Aus dem Wohlverhalten des Vichy-Regimes und seiner Anhänger - Frankreich ist in Befürworter und Gegner gespalten - wird offene Kollaboration. Die Marionetten-Regierung verfolgt Widerstandskämpfer, beteiligt sich an verbrecherischen Racheakten gegen die Zivilbevölkerung und an der Deportation der Juden. 20.000 Franzosen werden von der Gestapo oder ihren französischen Gehilfen getötet, über 60.000 gefangen genommen.

Befreiung

Auch für deutsche Flüchtlinge hat der Waffenstillstand von Compiègne schlimme Folgen: Frankreich verpflichtet sich, alle politischen Flüchtlinge an das Deutsche Reich auszuliefern. Das Vichy-Regime verweigert Emigranten befehlsgemäß die Ausreise. Schriftsteller wie Ernst Weiß, Carl Einstein, Walter Hasenclever und Walter Benjamin begehen im französischen Exil Selbstmord. Lion Feuchtwanger, Golo und Heinrich Mann oder Alfred Döblin entkommen im letzten Moment in die USA.

Im letzten Moment entkommt auch der Brigade-General Charles de Gaulle. Als Chef der französischen Exilregierung in London ruft er am 18. Juni 1940 die Franzosen auf, den Krieg an der Seite Großbritannien's fortzusetzen.

Am 25. August 1944 zieht de Gaulle in Paris ein und befreit sein Land. Der 89-jährige Pétain wird ein Jahr später wegen Terror und Kollaboration zu lebenslanger Haft verurteilt.

Wie so vieles war zu dieser Zeit auch der legendäre Waggon aus dem Wald von Compiègne zerstört. Hitler hatte ihn zuerst im Berliner ausgestellt, um ihn dann im Januar 1945 in seinem letzten Hauptquartier von einem SS-Kommando zerstören zu lassen.


Autor: Frank Gerstenberg
   
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