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21.6.1948: "Kominform" schließt Jugoslawien aus
Bukarest im Juni 1948: Drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat der sowjetische Diktator Josef Stalin seinen Einfluss auf die osteuropäischen Länder weitgehend konsolidiert. Mit einer Ausnahme: Titos sozialistisches Jugoslawien schlägt immer stärker einen Sonderweg ein.

Seit langem schon schwelt ein Konflikt zwischen Moskau und Belgrad, der sich in diesen Junitagen immer mehr zuspitzt. In der rumänischen Hauptstadt tritt die "Kominform" zusammen, der Zusammenschluss der kommunistischen Parteien Osteuropas; diesmal ohne die jugoslawischen Delegierten und verabschiedet eine Resolution, in der Jugoslawien einstimmig verurteilt wird.

Den jugoslawischen Kommunisten wird "bürgerlicher Nationalismus" vorgeworfen, "sowjetfeindliche Einstellungen" und schließlich "Linksabweichungen". Die Resolution endet mit einer unverhohlenen Drohung:

Zitat: "Die Aufgabe der gesunden Kräfte der Kommunistischen Partei Jugoslawiens besteht darin, ihre Fehler offen und ehrlich einzugestehen (...) oder, falls die gegenwärtige Führung der KPJ sich dazu unfähig erweist, sie abzusetzen und eine neue internationalistische Führung der KPJ aufzustellen."

Am nächsten Tag titelt der britische "Telegraf": "Stalin bricht mit Tito, Tito des Trotzkismus beschuldigt!"

Die Öffentlichkeit in West- und in Osteuropa ist in Aufruhr. Wie wird Belgrad auf diesen Affront antworten? Ein Zurückweisen der sogenannten "Selbstkritik" käme einer offenen Auflehnung gegen die sowjetische Großmacht gleich und hätte unabsehbare Folgen für die jugoslawische Wirtschaft, denn 50 Prozent des gesamten Handelsvolumens und fast alle für den Fünfjahresplan notwendigen Kredite hängen zu diesem Zeitpunkt von der Sowjetunion ab.

Tito entschließt sich, den Bruch mit Moskau trotz des großen Risikos in Kauf zu nehmen. Die Führung der KPJ weigert sich, die Kominform-Resolution anzuerkennen und erklärt sie einfach für falsch. Am 3. Juli 1948 veröffentlicht die staatliche jugoslawische Nachrichtenagentur Tanjug eine Stellungnahme der KPJ:

Zitat: "Die Kritik in der Resolution ist auf ungenauen und unbegründeten Behauptungen aufgebaut und stellt den Versuch dar, das Ansehen der Kommunistischen Partei Jugoslawiens im Ausland und im Lande zu zerstören, in den Massen im Inland sowie in der internationalen Arbeiterbewegung Verwirrung zu schaffen."

Wie ist es zum Bruch zwischen Tito und Stalin gekommen? Schon während des Krieges sind zahlreiche Widersprüche aufgetreten. Die Jugoslawen haben sich - bis auf die Rückeroberung von Belgrad, die die Rote Armee unterstützt - selbst von den deutschen Besatzern befreit. Dessen ungeachtet tritt die Rote Armee auch hier als Befreier auf.

Gleichzeitig bemüht sich Stalin, Agenten in die jugoslawische KP einzuschleusen und wichtige Zweige der jugoslawischen Wirtschaft und des Verkehrs unter seine Kontrolle zu bringen.

Als Tito mit dem bulgarischen KP-Chef Dimitrov über eine Balkan-Föderation verhandelt, die Titos unabhängige Position stärken würde, handelt Stalin rasch. Im Februar 1948 schlägt er überraschend die Bildung einer Konföderation mit dem ihm ergebenen Bulgarien vor. Tito lehnt ab und schreibt am 13. April 1948:

Tito: "Wir lernen viel aus dem Beispiel des Sowjetsystems, aber bis zu einem gewissen Grad errichten wir den Sozialismus in unserem Land in anderen Formen. Wir tun dies nicht, um zu zeigen, dass unser Weg besser ist als derjenige, den die UdSSR beschritten hat, oder dass wir etwas Neues erfunden haben, sondern weil uns dieses Vorgehen vom Alltag aufgezwungen wird."

Gleichzeitig versucht Tito einzulenken, weil er die wirtschaftlichen Folgen des Bruchs und die Einflussnahme des kapitalistischen Westens auf Jugoslawien fürchtet. In der Tat nimmt Tito nun verstärkt die Hilfe des Westens in Kauf, um wirtschaftlich zu überleben.

Moskau interveniert - wider Erwarten - nicht in Jugoslawien. Zwar verhängen die Kominform-Länder einen umfassenden Wirtschaftsboykott, um die Massen gegen die Führung aufzubringen, wirtschaftliches Chaos zu stiften und einen Anlass zum Eingreifen zu erhalten. Aber der Plan scheitert.

Tito hält zwei Karten in der Hand, die er jetzt ausspielt: Die günstige geopolitische Lage des Landes und das Abkommen, das Churchill und Stalin 1944 geschlossen haben. Es sieht die Aufteilung Südosteuropas in die westliche und östliche Einflusssphäre vor und gibt Tito jetzt Handlungsspielraum.

Jugoslawien schlägt den so genannten "Dritten Weg" ein: Im Inneren setzt die Dezentralisierung der Wirtschaft ein, begleitet vom Aufbau der Arbeiterselbstverwaltung. Grundlage für die Außenpolitik wird die Blockfreiheit, die Tito drei Jahrzehnte lang zu einem bedeutenden politischen Faktor macht.

Autorin: Verica Spassovska
   
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