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17.6.1773: Toleranzedikt der Zarin
Katharina II. prägt Russland wie kaum eine Regentin vor ihr. Die aus dem deutschen Adelsgeschlecht stammende Zarin führt die Expansionspolitik Peters des Großen fort, und als sie 1796 im Alter von 67 Jahren stirbt, hat sie verwirklicht, was jener begann: Russland ist eine Großmacht mit der Europa rechnen muss.

Beeinflusst vom Gedankengut der französischen Aufklärung führt sie zahlreiche innenpolitische Reformen durch. Die im Toleranzedikt festgeschriebene Duldung aller religiösen Bekenntnisse ist das Spiegelbild einer Monarchin, die sich aufgeklärt und modern gibt.

Katharina II. liest die Werke von Montesquieu und steht mit Voltaire in regem Briefwechsel. Sie fördert die Wissenschaft und die Künste. Nachhaltig sind ihre Maßnahmen auf dem Gebiet des Erziehungswesens und bei der Berufung deutscher Siedler in das Wolgagebiet. In ihrer Regierungszeit erblüht St. Petersburg zu einer der schönsten Hauptstädte Europas.

Über Voltaire heißt es in einem ihrer Briefe an den Baron Friedrich Melchior Grimm im Jahr 1778:

Katharina II.: "Er ist mein Lehrer, er, oder besser gesagt, seine Werke, haben meinen Kopf und meinen Geist geformt."

Katharina aber ist auch eine Frau mit scharfsinnigem politischen Verstand und eisernem Willen zur Macht. Zahlreiche Liebhaber aus dem russischen Hochadel versuchen schon zu Lebzeiten des Zaren vergeblich, sie zu beeinflussen.

Als junge Regentin stürzt sie 1762 ihren infantilen Ehemann, Peter III., vom Thron. Seine Ermordung ordnet sie nicht direkt an, nimmt sie aber billigend in Kauf. Ihrer alleinigen und unumschränkten Herrschaft steht nun nichts mehr im Wege.

Katharina nutzt ihre Macht, um zweimal erfolgreich Krieg gegen das Osmanische Reich zu führen, sie verschafft sich direkten Zugang zur Krim und gliedert Teile Polens an das russische Reich an. Russland erfährt in der Regierungszeit Katharinas der Großen einen ungeheuren Gebietszuwachs.

Und die Zarin regiert das Riesenreich mit eiserner Hand. Entgegen dem Eindruck, den sie als gelehrige Schülerin der französischen Enzyklopädisten hinterlassen möchte, bewirken ihre innenpolitischen Reformversuche keine nachhaltige Änderung der bestehenden Sozialverfassung. Ihr aufgeklärter Geist regt zwar einige Modernisierungen an, offensichtliche Missstände verschärfen sich unter ihrer Regentschaft aber noch.

So stärkt die Monarchin die überkommene Sozialordnung, indem sie die leibeigenen Bauern völlig dem grundbesitzenden Adel ausliefert und die Leibeigenschaft auf die Ukraine ausdehnt. Der aus der Verelendung und Entrechtung der Bauern folgende Aufstand wird im Jahre 1774 blutig niederschlagen, der Anführer in Moskau öffentlich hingerichtet, und von den bescheidenen Versuchen einer Neuordnung und Dezentralisierung des Staates gehen kaum Impulse aus.

Doch in Voltaire hat sie einen glühenden Verehrer und Fürsprecher, der sie in seiner Illusion für eine Reformerin im Geiste der Aufklärung hält - für eine Gesetzgeberin, der das Glück der Untertanen, der Schutz der Menschenrechte und die Einführung der Gewaltenteilung am Herzen liegt.

Eine liberale Instruktion Katharinas an ihre Beamten, die eine künftige, aber niemals durchgeführte Rechtsreform verheißt, genügt Voltaire, um an ein aufklärerisches Wunder in Russland zu glauben, dessen Protagonistin Katharina die Große ist. Seine Ehrerbietung gegenüber der Zarin tut Voltaire in wortreichen Wendungen kund:

Voltaire: "(...) darf ich sagen, dass ich ein bisschen verdrießlich bin, dass Sie Katharina heißen. Früher hatten Heldinnen nicht die Namen von Heiligen. Homer und Vergil hätten mit solchen Namen nichts anfangen können. (...) Doch ob nun Juno, Minerva oder Ceres, ich lege mich eurer Majestät zu Füßen, dankbar und mit tiefster Ehrerbietung."

Die Monarchin nutzt ihre persönliche Verbindung zu Voltaire, um einen Mitstreiter und europäischen Propagandisten für ihre Pläne und Taten zu haben, denn andere französische Enzyklopädisten wie Diderot billigen ihre Aktionen nicht, und auch die Herrscherhäuser Deutschlands und Österreichs stehen ihren Handlungen ablehnend gegenüber.

Katharinas Herrschaft ist widersprüchlich. In ihrem Toleranzedikt verbietet die Zarin am 17. Juni 1773 einerseits ausdrücklich alle religiös begründeten Verfolgungen und stellt damit ihre moderne, durch die Gedanken der Aufklärung geschulte Ausrichtung unter Beweis. Dieser Erlass kommt vor allem den "Altgläubigen" zugute, jenem Zweig der russisch-orthodoxen Kirche, der sich Mitte des 17. Jahrhunderts offiziell von der Staatskirche abspaltet und von der Kirchensynode 1666 exkommuniziert und verdammt wird.

Demgegenüber steht die rigorose Beschränkung des Lebensraums der jüdischen Bevölkerung auf den Ansiedlungsrayon im westlichen Zarenreich, der weite Teile des angegliederten Polens umfasst. Ab 1791 werden alle Juden dort getthoisiert, gesellschaftliches Leben und religiöse Handlungen dürfen nur innerhalb des bezeichneten Bereiches durchgeführt werden.

Nicht der einzige Schatten, der auf die facettenreiche Regierungszeit Katharinas der Großen fällt, auch ihre Expansionspolitik und ihr absolutistischer Machtanspruch stehen im Widerspruch zu den Ideen Voltaires und der französischen Aufklärung. Gerade die Widersprüchlichkeiten ihrer Persönlichkeit und ihrer Herrschaft ist Katharina die Große eine der bedeutendsten Gestalten der Weltpolitik.

Autorin: Barbara Fischer
   
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