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7.6.1973: Willy Brandt in Israel
"Was insbesondere die deutsch-israelischen Beziehungen angeht, so wird jedermann verstehen, wenn ich auch hier sage, dass sie einen besonderen Charakter haben. Diese Charakteristik bleibt unangetastet. Für uns kann es zumal keine Neutralität des Herzens und des Gewissens geben." Dies sagte der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt in einer viel beachteten Rede vor dem Europa-Parlament in Straßburg im November 1973. Eine klare Absage an all diejenigen, die immer wieder versuchten, die deutsch-israelischen Beziehungen als "normal" zu bezeichnen und im Umgang mit Israel zur Tagesordnung überzugehen.

1948 - drei Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus und der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager entstand der Staat Israel, der sich als Heimstätte für Juden in aller Welt, aber auch als Vertreter der im Holocaust umgekommenen Juden versteht. Vor dem Hintergrund des Massenmordes an den Juden in Europa kann sich zu diesem Zeitpunkt niemand vorstellen, dass es eines Tages diplomatische Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und Deutschland geben könnte.

Erste Schritte

Nur vier Jahre später, 1952, unterzeichnen der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer und Israels Staatsgründer David Ben Gurion aber bereits ein Abkommen, das ein wichtiger Schritt werden soll auf dem Weg zu einer Annäherung zwischen beiden Staaten und beiden Völkern: das Wiedergutmachungsabkommen.

Die beiden Politiker treffen sich in New York; an offizielle Besuche im Lande des jeweils anderen ist nicht zu denken. Erst nach seinem Rücktritt 1963 besucht Adenauer Israel, und Ben Gurion kommt 1967 "privat" zur Beisetzung des ehemaligen Kanzlers nach Deutschland.

Diplomatische Beziehungen werden unter Ludwig Erhard 1965 aufgenommen, vielleicht unter dem Schock der heftigen Reaktion in der Arabischen Welt verzichtet man aber zunächst darauf, den Austausch von Botschaftern auch durch offizielle Staatsbesuche aufzuwerten.

Brandt in Israel

1973 ist es aber doch soweit: In der Bundesrepublik regiert Willy Brandt, über jeden Zweifel an der Vergangenheit erhaben, und in Israel ist Golda Meir im Amt. Am 7. Juni trifft Kanzler Brandt zum ersten offiziellen Staatsbesuch in Israel ein, unter anderem in Begleitung des Schriftstellers Günther Grass. Auf dem Flughafen in Tel Aviv wird Brandt mit allen Ehren empfangen und dann nach Jerusalem gefahren.

Der Ablauf seines Besuchsprogramms ähnelt dem anderer Staatsgäste in Israel. Ein Hauptthema seiner Gespräche ist die latente Krise und Kriegsgefahr in der Region, Brandt sagte dazu: "Der Nahostkonflikt geht uns vielleicht noch mehr an als andere. Er appelliert an unsere bittere Verantwortung."

Aber Brandt ist nicht gekommen, um Ratschläge oder Weisungen zu erteilen. Er versteht sich auch nicht als Vertreter der Europäischen Gemeinschaft, sondern er betrachtet es als Selbstverständlichkeit, dass ein deutscher Kanzler der Frage eines Friedens in Nahost besondere Bedeutung beimisst. Auf einer Pressekonferenz in Jerusalem sagte Brandt: "Was die Bundesregierung angeht, so hat sie weder die Absicht noch die Legitimation, sich durch erbetene oder unerbetene Parteinahme zu übernehmen. Wir sind nicht dazu berufen und auch nicht in der Lage, eine Vermittlerrolle zu spielen. Aber das deutsche Interesse ist klar: Dieses deutsche Interesse gilt einer friedlichen Lösung, die von den unmittelbar Beteiligten ausgehandelt wird und akzeptiert werden kann."

Weitere Schritte

Der Besuch Willy Brandts in Israel trägt maßgeblich zur Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen bei, wenn auch nicht nur Befriedung des Nahen Ostens: Nur wenige Monate später bricht im Oktober der "Yom-Kippur-Krieg" aus, bei dem Israel zunächst empfindliche Rückschläge erleidet und den es nur mit Mühe in einen Sieg verwandeln kann.

Ministerpräsidentin Golda Meir muss in der Folge des Krieges ihren Rücktritt einreichen, und sie kann den zugesagten Gegenbesuch in Deutschland nicht mehr abstatten. Das wird 1975 ihr Nachfolger Jitzchak Rabin tun. Ein weiterer Schritt zur Normalisierung hin, die doch keine sein kann und die Brandt schon 1973 besser umschreibt: "Die deutsch-israelischen Beziehungen - ich sage das auch jetzt mit der gebührenden Unterstreichung - müssen vor dem düsteren Hintergrund der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft gesehen werden, und genau dies meinen wir, wenn wir sagen 'unsere normalen Beziehungen haben den Charakter der Besonderheit'."


Autor: Peter Philipp
   
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