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24.3.1882: Tuberkelbazillus entdeckt
Ob die drei Dutzend Stühle im Lesezimmer wohl reichen würden, darüber macht sich der geschäftige Hausmeister im Physiologischen Institut in der Berliner Dorotheenstraße ernsthaft Sorgen. Schließlich hatte sein Chef, der Herr Geheimrat du Bois-Reymond, schon angekündigt, dass zu diesem Sitzungsabend besonders viele Herren erwartete würden.

Ein Vortrag steht auf dem Programm, sein Thema: "Über Tuberkulose". Halten wird ihn ein Mitglied des Kaiserlichen Gesundheitsamtes, der Regierungsrat Doktor Robert Koch. Zugegebenermaßen recht allgemein war die Überschrift gehalten, aber Robert Koch hatte sich durch seine Arbeiten in der Bakteriologie schon einen Namen gemacht, und so durfte man doch einiges erwarten.

Der mittelgroße schmächtige Mann beginnt seinen Vortrag langsam, etwas stockend. Die Herren hören aufmerksam zu, und vielleicht ahnt der eine oder andere, dass sie hier Zeugen einer der Sternstunden der Wissenschaft sind. Ihr Kollege, der damals 38-jährige Robert Koch, hatte gerade die Entdeckung des Erregers der Tuberkulose bekannt gegeben - er nennt ihn Tuberkelbazillus.

"Auf Grund meiner zahlreichen Beobachtungen halte ich es für erwiesen, dass bei allen tuberkulösen Affektionen des Menschen und der Tiere konstant die von mir als Tuberkelbazillen bezeichnete und durch charakteristischen Eigenschaften von allen anderen Mikroorganismen sich unterscheidenden Bakterien vorkommen."

Von der Schwindsucht wusste man damals kaum mehr, als dass sie heimtückisch und ansteckend ist. Sie konnte ihre Opfer in wenigen Wochen dahinraffen, manche hatte Jahre zu leiden, bis der Tod sie ereilte. Von den 50 Millionen Deutschen litt eine Million an der Schwindsucht, 80.000 verstarben jedes Jahr an der Krankheit. In den europäischen Ländern starb damals jeder Siebente an der Tuberkulose. Peter Schneck vom Institut für Medizingeschichte an der Berliner Charité:

"Die Tuberkulose war im ausgehenden 19. Jahrhundert etwa so gefürchtet wie heute der Krebs und die Herzinfarktkrankheit zusammen. Es war tatsächlich eine Volkskrankheit, wie man das damals nannte, und war sicher auch eine Folge der sozialen Zustände damals. Das hing zusammen mit der Bildung von großen Städten, von eng zusammenlebenden Menschen in diesen Arbeiterbezirken, wo Wohnungsnot, soziale Not und schlechte hygienische Zustände zusammenkamen."

Gutes Essen, Ruhe und saubere Luft wurde den Kranken anempfohlen - die Armen in den Arbeiterwohnquartieren konnten mit diesen ärztlichen Verordnungen kaum etwas anfangen, die Reichen gingen vielleicht in einen Kurort. Heilung war ohnehin kaum möglich. Dass Tuberkulose ansteckend ist, wusste man schon lange. Und 1865 hatte ein französischer Militärarzt durch Versuche festgestellt, dass die Tuberkulose vom Menschen auf Kaninchen übertragbar ist.

Robert Koch wollte nun den Erreger der Schwindsucht sowohl durch Tierversuche als auch unter dem Mikroskop nachweisen. Im August 1881 begann er mit seinen Versuchen: Er impfte zwei Meerschweinchen mit tuberkulösem Material und wartete darauf, dass sie krank würden. Gleichzeitig fertigte er Präparate an, färbte sie und mikroskopierte.

Mit immer wieder neuen Färbetechniken arbeitete er daran, das bisher Unsichtbare sichtbar zu machen. Beim 271. Präparat fand er, was er suchte: dünne spindelförmige Bazillen mit Krümmungen und Windungen. Auf von ihm speziell entwickelten festen Nährboden gelang ihm dann die Züchtung des Bazillus in Reinkultur und schließlich auch noch der letzte Schritt in der Beweiskette: diese außerhalb des Organismus gezüchteten Reinkulturen mussten bei gesunden Tieren die Krankheit auslösen.

Unendliche hartnäckige Fleißarbeit hatte Robert Koch hinter sich, als er am 24. März 1882 den versammelten Mitgliedern der Berliner Physiologischen Gesellschaft das Ergebnis präsentierte. Und die Neuigkeit fand schnell den Weg in die Öffentlichkeit. Peter Schneck:

"Mit dem Telegraphen ging das rund um den Erdball. Die Presse in aller Welt berichtete, dass der große Schritt, die Entdeckung der Ursache der Tuberkulose gelungen sei und dass der Mann, der das gemacht hat, Robert Koch hieß, so dass er plötzlich in aller Munde war. Das war natürlich bei der Verbreitung der Krankheit eine verständliche Sache, so als wenn einer heute sagt: wir wissen, was wir gegen Krebs hundertprozentig machen können."

Mit der Entdeckung des Tuberkelbazillus hatte Robert Koch die Tuberkulose als Infektionskrankheit sozusagen demaskiert. Nicht mehr mit einem unbestimmten Etwas, sondern mit einem fassbaren Parasiten habe man es jetzt zu tun, stellte der Forscher fest. Die Tuberkulose hat seitdem viel von ihrem Schrecken verloren.

Autorin: Martina Assuncao
   
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