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28.5.1871: "Blutige Woche" in Paris endet
"Amourouz, Charles, Mützenmacher, Lebenslängliche Zwangsarbeit, verbannt nach Neu-Caledonien
Arnould, Arthur, Schriftsteller, flüchtete ins Ausland. Assi, Adolphe, Mechaniker, verbannt nach Neu-Caledonien."

Der 28. Mai 1871 ist ein Sonntag. Pfingstsonntag. Während anderswo die Ausgießung des Heiligen Geistes gefeiert wird, spielen sich in Paris Szenen ab, die eher an die Hölle als an den Himmel erinnern. Seit einer Woche tobt in der Stadt ein verzweifelter Kampf zwischen regulären Armeeeinheiten und aufständischen Kommunarden.

Ein Augenzeuge berichtet: "Eugène Varlin, der bis zum letzten Augenblick gekämpft hatte, erreichte gerade die Rue Lafayette, als er von einem Versailler Offizier erkannt wurde. Man band ihm die Hände auf den Rücken und führte ihn hinauf zum Montmartre; den ganzen Weg erhielt er Kolbenschläge und wurde von einer johlenden Pariser Menge fast gelyncht. Als er die düstere Rue des Rosiers erreichte, war sein Gesicht Brei, und ein Auge hing aus der Höhle heraus. Stehen konnte er nicht mehr, daher trug man ihn hinaus in den Garten und erschoss ihn sitzend in einem Stuhl."

Mit einer "blutigen Woche" endete das Experiment der so genannten Pariser "Kommune", zwei chaotische Monate lang hatte es gedauert.

"Blanqui, Auguste, Schriftsteller, verhaftet am 17. März durch die Versailler Regierung. Brunel, Antoine, Kavallerie-Offizier, fünf Jahre Zwangsarbeit, verbannt nach Neu-Caledonnien."

Entstanden war die Kommune spontan, genährt von politischen und sozialen Konflikten. Der verlorene Krieg gegen Deutschland, die entbehrungsreichen Monate der Belagerung durch die Preußen und eine ländlich-konservative Regierung, die auf die soziale Not der Pariser Stadtbevölkerung keine Rücksichten nahm - dies alles führt im März 1871 zu einer Revolte gegen die Regierung, die sich nach Versailles zurückzieht.

Am 28. März zieht eine bunte Mischung aus Jakobinern, Anarchisten, Sozialisten und Patrioten, die den Friedensschluss mit Deutschland ablehnen, ins Stadthaus ein. Sie nennen sich "La Commune", die Kommune.

In den zwei Monaten ihrer Regierung verabschiedet die Kommune eine Reihe von Gesetzen, hauptsächlich solche, die die direkte Not des Pariser Proletariats mildern; aber auch grundsätzlichere, u.a. die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung von Adelsprivilegien, die Autonomie der Stadtregierung und ein berüchtigtes "Geiselgesetz", das jeden mit dem Tod bedroht, der mit der alten Regierung in Versailles kooperiert.

Viele Gendarmen und Kleriker, allen voran der Erzbischof von Paris werden als Geiseln festgesetzt.

"Delescluze, Charles, Journalist, fiel auf den Barrikaden am 25. Mai. Durand, Jaques, Schuster, gefallen."

Unterdessen bereitet sich die Versailler Regierung auf die militärische Rückeroberung der Stadt und der Macht vor. Dabei sind die Sympathien der Bevölkerung durchaus geteilt zwischen alter konservativer und neuer linker Regierung.

Am Abend des 21. Mai dringen die ersten Regierungstruppen in die Stadt ein. Damit beginnt "la semaine sanglante", die "blutige Woche", wie sie später genannt wird.

Zunächst stoßen die Regierungstruppen nicht auf großen Widerstand. Dann aber werden die Kämpfe immer heftiger, denn den Kommunarden wird schnell klar: Sie haben nichts mehr zu verlieren. Die alte Regierung hatte von Anfang an auf eine militärische Lösung gesetzt, jeder, der irgendwie nach Kommunarde oder Sympathisant aussieht, wird sofort erschossen.

Viertel für Viertel kämpfen sich die Einheiten der Versailler vorwärts, während die Kommune Hunderte von provisorischen Barrikaden aus Straßenpflaster und Sandsäcken errichtet. Auf dem Rückzug legen die Kommunarden Feuer, in der Nacht zum 24. Mai wird das Tuilerienschloss angezündet, ganze Straßenzüge stehen in Flammen, und in den letzten Tagen der Kämpfe werden viele der Geiseln, unter ihnen auch der Erzbischof von Paris, ermordet.

"Rigault, Raoul, Polizeichef der Kommune, erschossen am 24. Mai. Rossel, Louis, Offizier, zum Tode verurteilt und erschossen."

Mit dem Fall der letzten Barrikade am 28. Mai 1871 ist zwar die "blutige Woche", nicht aber das Blutvergießen zu Ende. Tausende werden in den folgenden Tagen erschossen, in Parks, in Hinterhöfen, in Kasernen. Historiker schätzen, dass die Kommune ungefähr 500 politische Gegner umbrachte, die Regierungstruppen bei und nach ihrer Eroberung von Paris zwischen 20 und 25.000 Menschen!

"Varlin, Eugène, Buchbinder, erschossen."

Autorin: Rachel Gessat
   
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