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23.5.1967: Kiesinger CDU-Vorsitzender
Der Sieg fiel überraschend deutlich aus. Noch nie zuvor war ein CDU-Vorsitzender bei einem Bundesparteitag mit solch großer Mehrheit gewählt worden. Nur 16 der 449 Delegierten stimmten gegen Kurt Georg Kiesinger als Parteivorsitzenden, ganze zehn enthielten sich der Stimme.

Kiesinger wurde während des 15. CDU Parteitags am 23. Mai 1967 in Braunschweig zum Nachfolger von Ludwig Erhard bestimmt; der hatte mit dem Rücktritt als Kanzler auch seinen Vorsitz niedergelegt. Erhard, wenig euphorisch, vor den Delegierten in Braunschweig:

Erhard: "Vor allem habe ich in dieser Stunde, in der ich meinem Nachfolger Kurt Georg Kiesinger mein volles Vertrauen und meinen menschlichen Respekt zum Ausdruck bringe, das Bedürfnis, mich an unsere Jugend zu wenden. Haben wir nicht Grund zum Optimismus, wenn wir daran denken, welche ungeheuren Chancen und welche gewaltigen Aufgaben dieser unserer Jugend in einer großen freien Welt eingeräumt sind?"

Der Parteitag in Braunschweig stand im Zeichen einer sich wandelnden und verjüngenden CDU. Wenige Wochen vor dem 15. Parteitag war der Ehrenvorsitzende und Übervater der Union, Konrad Adenauer, im Alter von 91 Jahren gestorben. Ein überdimensionales Portrait des Altkanzlers in der Braunschweiger Stadthalle zeugte von der Vergangenheit der CDU.

Unübersehbar drängte eine junge Generation nach vorne, allen voran der CDU-Fraktionsvorsitzende Barzel oder der rheinland-pfälzische Landesvorsitzende Kohl. Zwischen alter und neuer Generation stand der neue Vorsitzende Kiesinger, seit einem halben Jahr Bundeskanzler und Chef der so genannten großen Koalition.

Kiesinger: "Es ist klar, das am Anfang eines solch gewagten Experiments wie es eine große Koalition ist, man mit gewissen Schwierigkeiten rechnen musste, und ich kann eigentlich nur sagen, dass ich sehr zufrieden bin, dass ich hier Befürchtungen, die ich am Anfang hatte, sich nicht erfüllt haben. Ich finde im Gegenteil, dieses Kabinett arbeitet von ganz kleinen Unfällen abgesehen ausgezeichnet zusammen."

Kiesinger, der als charmanter Plauderer und schwäbischer Schöngeist betitelt wurde, umgab ein Hauch von Noblesse. In der Koalition, der er vorstand und aus Köpfen wie Brandt, Strauß und Wehner bestand, hatte er den Spitznamen "wandelnder Vermittlungsausschuss".

Die Regierung Kiesingers war verglichen mit der von Ludwig Erhard in einigen Bereichen erfolgreicher. Vollbeschäftigung und Preisstabilität wurden erreicht. Finanzminister Strauß konnte nicht nur einen Haushaltsüberschuss vermelden, sondern auch Schulden zurückzahlen.

Als schwarzer Fleck blieb jedoch die NS-Vergangenheit Kiesingers. Er war Mitglied der NSDAP und hoher Angestellter des Auswärtigen Dienstes. Obwohl er nachweislich dem NS-Apparat kritisch gegenüberstand, verzieh im besonders die 68er-Generation weder die braunen Jahre noch die Notstandsgesetze.

Trauriger Höhepunkt: Die öffentliche Ohrfeige von Beate Klarsfeld auf dem CDU-Parteitag 1968 in Berlin. Dem gesellschaftlichen Umbruch, der in den Universitäten seinen Lauf nahm, stand Kiesingers CDU fremd gegenüber. Der CDU Biograf Hans Otto Kleinmann schreibt:

Kleinmann: "Als Kanzler der großen Koalition wie als Bundesvorsitzender der CDU erschien Kiesinger, bei allen Sympathiewerten, die er beim Wählervolk verzeichnen konnte, immer wie eingeengt, gezwungen, der Notwendigkeit gehorchend."

Und mit der große Koalition hatte er die SPD regierungsfähig gemacht. 1969 erreichte die CDU bei den Bundestagswahlen ein hervorragendes Ergebnis. Die wahren Sieger aber waren die Sozialdemokraten unter Willi Brandt.

Brandt: "Die Verhandlungen von SPD und FDP zur Bildung einer neuen Bundesregierung haben heute ihren positiven Abschluss gefunden."

Kiesinger hatte verloren. Der gebbürtige Schwabe galt fortan als Kanzler zwischen den Zeiten. Obwohl er 1969 noch einmal zum CDU-Vorsitzenden gewählt wurde, tat sich Kiesinger in der Rolle des Oppositionsführers schwer.

Zwar gelang es ihm, die einzelnen Flügel der Partei unter Kontrolle zuhalten, 1971 aber wich er teils freiwillig, teils gezwungener maßen auf dem Parteitag in Saarbrücken den jüngeren, aufstrebenden Kräften. Allen voran Rainer Barzel, der nur wenig später von dem Pfälzer Helmut Kohl beerbt wurde.

Autor: Oliver Ramme
   
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