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17.5.1969: Konsens von Vina del Mar
Spätestens Mitte der 1960er Jahre war klar, dass die noch von US-Präsident John F. Kennedy initiierte "Allianz für den Fortschritt", ein 20-Milliarden-Dollar-Hilfsprogramm für Lateinamerika, kläglich gescheitert war. Das Geld, das die USA zur wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung Lateinamerikas in die Südhälfte des amerikanischen Kontinents pumpten, holten die großen US-Konzerne, die in Lateinamerika tätig waren, im selben Zeitraum mehrfach als Gewinntransfer in die USA zurück.

Mit der Allianz für den Fortschritt war auch das traditionelle Entwicklungshilfekonzept des Westens gescheitert, das "Unterentwicklung" nur als zeitlichen Entwicklungsrückstand sah, der durch die Gewährung finanzieller Hilfe aufzuholen war.

Es waren nicht zufällig lateinamerikanische Sozialwissenschaftler, die demgegenüber ihre Dependenztheorie entwickelten, mit der sie nachzuweisen versuchten, dass Unterentwicklung vielmehr das Ergebnis eines historischen Prozesses und einer allmählich gewachsenen "strukturellen Abhängigkeit" sei. Die formelle politische Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien habe daran nichts geändert, der Kolonialismus existiere hinter einer anderen Maske weiter.

Die politische Entsprechung der Dependenztheorie bildete bald ein lockerer Zusammenschluss aller Staaten Lateinamerikas außer Kuba mit dem etwas umständlichen Namen "Spezialkommission lateinamerikanischer Koordination", abgekürzt CECLA.

Im Mai 1969 trafen sich führende Vertreter der CECLA-Länder im chilenischen Badeort Vina del Mar, um über eine Vertiefung der interamerikanischen Zusammenarbeit und über eine stärkere gemeinsame Position gegenüber den USA zu beraten. Das als "Konsens von Vina del Mar" am 17. Mai 1969 verabschiedete Abschlussdokument sollte den damaligen US-Präsidenten Richard Nixon veranlassen, noch im Herbst desselben Jahres Grundzüge einer neuen Politik gegenüber Lateinamerika zu umreißen.

Zu einer Verwirklichung seiner Pläne ist es freilich nie gekommen, weil der Vietnamkrieg, die China-Politik und schließlich die Watergate-Affaire, die ihn zum Rücktritt zwingen sollte, seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Erst in seiner Fernsehansprache aus Anlass seiner Demission ging Nixon unter dem Stichwort der Armutsbekämpfung noch einmal auf die Versäumnisse der USA in der Entwicklungspolitik ein:

Nixon: "Weltweit in Asien, in Afrika, in Lateinamerika und im Mittleren Osten leben Millionen von Menschen in bitterer Armut, sie leiden sogar Hunger. (...) Wir müssen uns daher zum Ziel setzen, die Armut zu bekämpfen, indem wir unsere Produktion für den Krieg in Produktion für den Frieden umwandeln."

Nixon, der bei seinem letzten öffentlichen Auftritt eher wie ein frommer Prediger sprach, machte dabei deutlich, dass er vom Anliegen der Lateinamerikaner nichts hielt oder es nicht einmal verstanden hatte. Im "Konsens von Vina del Mar" hatten diese nämlich u.a. gefordert:

Zitat: "Es ist mit Nachdruck auf eine stärkere Beteiligung Lateinamerikas an den Diskussionen über eine Reform des internationalen Währungssystems einschließlich derer hinzuwirken, die außerhalb des Bereichs des Internationalen Währungsfonds und insbesondere im Rahmen des sogenannten Zehnerclubs stattfinden. (...) Es ist erneut darauf hinzuweisen, dass die wirtschaftliche Entwicklung zu einem tiefgreifenden Wandel in den sozialen Verhältnissen führen muss, dessen Hauptziele es sind, die Lebensbedingungen der Bevölkerung wesentlich zu verbessern, vor allem im ländlichen Bereich; desgleichen sind die weniger begünstigten (...) Bevölkerungsgruppen aktiv am wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt sowie am vollen Genuss seiner Güter zu beteiligen."

Im "Konsens von Vina del Mar" werden aber auch unabdingbare Voraussetzungen für die Umsetzung einer wirkungsvollen Armutsbekämpfung aufgezeigt:

Zitat: "Die technische Zusammenarbeit darf nicht in dem Maße, in dem die Länder Lateinamerikas fortgeschrittenere und in ihrem Wachstum komplexere Entwicklungsstufen erreichen, verringert werden, sondern muss den neuen Bedingungen des Entwicklungsprozesses angepasst werden. (...) In diesem Sinne unternehmen die Länder Lateinamerikas eine konzertierte Aktion für wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit, die internationale Kooperation, insbesondere der Vereinigten Staaten, erfordert."

Auch Jahrzehnte nach dem Konsens von Vina del Mar hapert es immer noch - sowohl am Mitspracherecht als auch an der wissenschaftlich-technologischen Kooperation.

Autor: Norbert Ahrens
   
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