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21.3.1962: Appell zum Maß halten
Kaum war der "Alte", Bundeskanzler Konrad Adenauer, zum Boccia-Spielen ins sonnige Cadenabbia entschwunden, da ließ der nun amtierende Regierungschef für sich die dräuend große Stunde schlagen. Dramatisch, so nannten tags darauf die Medien den Auftritt des fülligen Wirtschaftsministers am Abend des 21. März 1962, an den Rundfunkmikrofonen und vor laufenden Kameras zur besten Sendezeit.

Das deutsche Volk, so der als "Vater des deutschen Wirtschaftswunders" apostrophierte Ludwig Erhard mahnend, dürfe nicht der Maßlosigkeit verfallen. Er wende sich an das deutsche Volk in einer ernsten Stunde, begann Erhard, weil er sichergestellt wissen wolle, dass sich das alte Sprichwort "Wer nicht hören will, muss fühlen" am deutschen Volk nicht noch einmal tragisch erfülle.

"Sind wir nicht schon ein Stück zu weit gegangen? Haben wir nicht schon einen Teil unserer Wettbewerbskraft eingebüßt, die das glückliche Schicksal des deutschen Volkes von morgen gewährleistet? Und ich glaube, diese Frage kann niemand reinen Herzens mit 'Nein' beantworten, sondern es sind mindestens Zweifel angebracht, ob wir nicht schon einen Schritt über das Maß hinweggekommen sind."

Was war geschehen, eigentlich doch mitten im so genannten Wirtschaftswunder? 1961 hatten binnen gerade mal vier Jahren die bundesdeutschen Löhne, genauer die Lohnkosten, die der westeuropäischen Konkurrenten weit überholt, selbst die der 1957 noch führenden Schweiz. Unmissverständlich verwies Ludwig Erhard auf die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen der Leistungssteigerung und den Lohnerhöhungen, und er warnte vor der, wie er sagte, "aggressiven" Lohnpolitik, die ein allmähliches, aber unverkennbares Dahinschwinden der internationalen Wettbewerbskraft unserer Wirtschaft zur Folge habe.

Ja, was war denn da eigentlich los? Ganz einfach: 1961 hatte sich das Bruttoeinkommen des Arbeitnehmers gegenüber dem Vorjahr um durchschnittlich 10,1 Prozent erhöht, gleichzeitig aber war die Arbeitsproduktivität nur um rund fünf Prozent gestiegen. Da hatte der Ziehvater der sozialen Marktwirtschaft durchaus recht: "Wir können nicht doppelt soviel verdienen, wie wir an Werten schaffen". Da natürlich ...

"...spiegelt sich das wieder, was für mich das A und O, die Sorge ist, die ich für das ganze deutsche Volk über alle Gruppen und über alle Stände und Schichten hinweg halte, nämlich dass wir unser Glück nicht leichtfertig preisgeben, sondern dass wir gemeinsam die Dinge in die Hand nehmen und wieder zu vernünftigen Lösungen gelangen."

Das hatte Erhard unter dem Beifall vor allem seiner christdemokratisch-christsozialen Parteigänger gerade mal eine Woche vorher im Bundestag bereits konstatiert, die glücklichen Lösungen, gemeinsam Hand in Hand. Und die Stoßrichtung war klar: Es ging gegen die Gewerkschaften, gegen deren, wie der Wirtschaftsminister es sah, Machtgelüste.

Die freilich hatten sich in den fetten Jahren zuvor mit den überaus gut verdienenden Arbeitgebern stets nur allzu leicht auf kräftige Lohnzuwächse einigen können, bis ins Jahr 1961 hinein. Die Arbeitnehmervertreter rechneten Erhard denn auch vor, die Produktivität sei 1961 um fünf Prozent angehoben worden, seien zusammen mit einer Preissteigerungsrate von zweieinhalb Prozent summa summarum siebeneinhalb Prozent. Die Netto-Einkommen der Arbeitnehmer lägen aber mit etwas über neun Prozent nicht sehr viel darüber, und die wirklich umverteilten eineinhalb Prozent hielten sicher keinen Unternehmer davon ab, sich eine Villa im Tessin zu bauen. Wohl aber veranlassten sie eben diesen Unternehmer, seine Investitionen zu kürzen und damit die Konjunktur zu gefährden. Das müssten dann alle büßen.

Ja, wo da wohl die von Erhard angemahnte Gerechtigkeit bleibe? Scheinbar gefundenes Fressen natürlich auch für die Presse der Gänsefüßchen-DDR. Prompt giftete die "Berliner Zeitung" - unter der Überschrift "Ausgerechnet dieser Feind des Volkes, jawohl, ausgerechnet dieser feiste Kerl besaß die Frechheit, die westdeutschen Werktätigen als Feinde des Volkes zu bezeichnen".

In Bonn, im Bundestag zumindest, blieb man eher besonnen. Der Hexensabbat dürfe nicht fortdauern, wenn überhöhte Löhne die Preise und steigende Preise dann wieder die Löhne hochtrieben. Ludwig Erhards Maßhalte-Appell, der saß. Das Wirtschaftsministerium musste die Erhard-Rede umgehend in Tausenden von Exemplaren nachdrucken, für Verbände, Firmen und Gewerkschaften. Einige Angestellte freilich wollten telefonisch gern wissen, ob sie, die monatlich 500 Mark verdienten, auch gemeint seien mit der Mahnung, maß zuhalten.

Autor: Norbert Nürnberger
   
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