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16.4.1922: Vertrag von Rapallo
Am 10. April 1922 beginnt in der italienischen Hafenstadt Genua eine internationale Wirtschaftskonferenz mit Teilnehmern aus 28 europäischen Staaten sowie japanischen Vertretern. Im imposanten Palazzo San Giorgio wollen sie über die wirtschaftlichen Probleme Europas beraten. Zum ersten Mal seit der russischen Oktoberrevolution ist eine offizielle sowjetische Delegation zu einem internationalen Treffen eingeladen.

Die Gesandten des Deutschen Reichs sind mit großen Erwartungen nach Genua gereist. Sie wollen über die deutschen Reparationsleistungen für den verlorenen Ersten Weltkrieg reden. Doch der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré sträubt sich hartnäckig gegen Kompromisse in dieser Frage. Und so vergeht ein Tag um den anderen, ohne dass die Reparationen zur Sprache kommen. Der deutsche Reichskanzler Joseph Wirth und sein Außenminister Walter Rathenau geraten zunehmend unter Druck; sie brauchen verzweifelt den Erfolg auf internationalem Parkett. In dieser Situation richtet sich ihr Blick auf den anderen großen Kriegsverlierer: Sowjetrussland.

In der Nacht zum 15. auf den 16. April verständigen sich der deutsche Diplomat Adolf Georg Otto von Maltzahn und der Leiter der Sowjetischen Delegation, Georgi Chicherin in Rapallo, einem unweit von Genua gelegenen Seebad, auf ein Defensivbündnis. Am nächsten Tag wird der Vertrag von Rapallo offiziell von den Vertretern beider Regierungen unterzeichnet: Berlin und Moskau verzichten auf alle finanziellen Forderungen gegeneinander, vereinbaren die sofortige Aufnahme diplomatischer Beziehungen und beschließen eine wirtschaftliche Annäherung.

Am späten Abend, nach der Vertragsunterzeichnung, notiert Chicherin: "Rathenau kam nach Rapallo und hatte es mit der Unterzeichnung des Vertrages sehr eilig, weil er fürchtete, England würde sich mit uns verständigen. In den vorhergehenden Tagen hatte er uns immer wieder vorsichtig nach unseren Gesprächen mit Lloyd George ausgefragt. Er befürchtete offensichtlich, Deutschland könne den Anschluss verpassen. Bei Reichskanzler Wirth war das anders. Ein tiefer und gesunder Instinkt sagten ihm, wie überaus wichtig die Orientierung auf uns ist."

Für die Sowjetunion ist der Vertragsabschluß ein großer diplomatischer Erfolg. Damit wird die kommunistische Regierung des Landes zum ersten Mal offiziell anerkannt Chicherin stellt zufrieden fest:

"Nun haben wir einen Vertrag miteinander abgeschlossen. Für mich ist Rapallo das Musterbeispiel befriedigender Beziehungen zwischen zwei Staaten mit unterschiedlichen ökonomischen Systemen. Nützlich für beide Seiten, denn auch unserer Wirtschaft. wird der Vertrag zum Vorteil gereichen. Darüber hinaus können wir den unbestreitbaren Vorteil verbuchen, mit diesem Abkommen die scheinbar unerschütterliche antisowjetische Einheitsfront durchbrochen zu haben."

Rathenau ist weniger zum Feiern zumute. Schließlich hat sich das Reich bis dahin demonstrativ in Richtung Westen orientiert. Doch da die Alliierten kein Entgegenkommen in der Reparationsfrage signalisiert haben, sieht er sich gezwungen, auf den Osten zu setzen, um die deutsche Verhandlungsposition zu stärken.

Für den Bonner Historiker Klaus Hildebrand war Rapallo: "(...) das Zusammenwirken von zwei Benachteiligten, die wieder in die Völkerfamilie wollten und ein Gegengewicht geschaffen haben. Das setzte sich fort im April 1926 mit dem Vertrag, den Stresemann abgeschlossen hat, mit der Sowjetunion um ein Gegengewicht zur Westintegration zu schaffen. Das dauerte an bis 1934 als Hitler sozusagen das Einmaleins der deutschen Außenpolitik umkehrte gegen die Sowjetunion sich in einen neuen Vertrag begab."

Auf der Konferenz von Genua schlägt die Nachricht vom deutsch-sowjetischen Abkommen wie eine Bombe ein: Die Westmächte fühlen sich durch das Bündnis der beiden Parias übergangen und verraten. Der britische Premier Lloyd George tobt, die französische Delegation packt ihre Koffer. Die Konferenz steht auf Messers Schneide. Die allgemeine Empörung legt sich erst, als bekannt wird, dass der Vertrag keine Geheimklauseln enthält.

Auch in Deutschland ist der Vertrag von Rapallo nicht sonderlich populär: Vor allem bei nationalistischen und rechtsextremen Kreisen stößt er auf heftigste Ablehnung. Rathenau wird öffentlich als kommunistenhörig, als Bolschewist beschimpft. Er bezahlt das Abkommen mit seinem Leben: Am 24. Juni 1922, knapp acht Wochen nach der Unterzeichnung in Rapallo, wird er auf der Fahrt zu seinem Dienstsitz von zwei jungen Rechtsradikalen erschossen.

Autorin: Anke Hagedorn
   
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