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10.4.1993: Chris Hani ermordet
Chris Hani war wahrscheinlich der einzige Guerillakämpfer, der sich für Shakespeare begeistern konnte. Der Chef der kommunistischen Partei Südafrikas, der in der schwarzen Freiheitsbewegung lange als die Nummer zwei hinter Nelson Mandela galt, war sowohl für das Werfen von Bomben auf Polizeiwachen verantwortlich ,aber er galt auch als ein intellektueller Mann, der in Buchhandlungen charismatisch Diskussionen über die Zukunft von Südafrika führte, Latein sprach und Hamlet verehrte.

"Speer der Nation" wurde er genannt, als er die etwa 10.000 Mann starke Armee des ANC kommandierte. Eine schillernde Persönlichkeit. Einer, zu dem die junge, schwarze Bevölkerung aufblickte, weil er nicht wie andere ANC-Funktionäre in London lebte, sondern lange von Sambia aus den bewaffneten Freiheitskampf organisierte.

Auf Kundgebungen hielt er feurige Reden. Dabei war stets in Tarnuniform gekleidet, umgeben von Leibwächtern mit Schnellfeuergewehren. Im Frühjahr 1993 wandelte sich Hani jedoch vom Guerillakämpfer zum Friedensfürst. Er trat für die Versöhnung ein. Wahrscheinlich machte ihn das zur Zielscheibe für ein Mordkomplott.

Am 10. April 1993 gegen zehn Uhr morgens betritt ein weißer Mann das Grundstück von Hani. Der schwarze Politiker steht in der Einfahrt. Zwei Schüsse aus nächster Nähe werden abgefeuert. Hani ist sofort tot. Im Handumdrehen steht Südafrika am Rande eines Bürgerkrieges. Almut Hielscher, damals SPIEGEL-Korrespondentin in Johannesburg, erinnert sich:

Hielscher: "Zehn Tage danach: etwa fünfzig Tote. Es gab überall Kundgebungen, es gab spontane Demonstrationen, es gab Plünderungen in Städten, Häuser von Weißen wurden überfallen. Also es brach ja eine Wut aus, weil ja nun der Mörder auch ein Weißer war. Und das war wie ein Pulverfass, in das man ein Streichholz gehalten hat, und wir hatten alle - also auch die Journalisten - wirklich große Angst, dass jetzt alles den Bach runter geht, dass diese mühsam sich anbahnenden Verhandlungen nun wieder total am Ende wären. Und es gab ja wirklich hunderte von Verletzten, wie gesagt: an die 50 Tote gab es. Das zog sich über Tage und ging durchs ganze Land. Das ist ja eine furchtbare Zahl. Und auch noch am Tage der Beerdigung gab es am Rande Tote, Verletzte, Plünderungen und sehr, sehr gefährliche Situationen."

Die Beerdigung von Chris Hani in einem Fußballstadion in Soweto hat Almut Hielscher so erlebt :

Hielscher: "Man muss sich mal vorstellen, der Sarg war in der Mitte auf dem Fußballfeld aufgebaut, und man konnte auch den Toten sehen. Und das gesamte Stadion, also zehntausende von Leuten, pilgerte in langen Schlangen vorbei und nahm Abschied. Das gehört also zum afrikanischen Trauerritual dazu, dass man am Sarg vorbeigeht und sich von dem Toten verabschiedet. Da kann man sich vorstellen, wie sich das über Stunden hinweggezogen hat. Aber im Stadion war alles sehr friedlich, es war sehr emotional und bewegt. Die Leute fingen dann immer wieder an zu singen. Auch Redner, die dann irgendwie emotional überwältigt waren, fingen dann an, spontan zu singen. Dann fingen tausende von Menschen an mitzusingen. Das Gefährliche aber war eben in der Umgebung rund um das Stadion, und da gingen dann eben beispielsweise auch Häuser in Flammen auf."

Hanis Mörder, ein polnischer Exilant namens Janus Walusz, hatte im Auftrag des ehemaligen Parlamentsabgeordneten der Konservativen Partei Derby Lewis gehandelt. Walusz wurde aufgrund einer sehr genauen Zeugenaussage schnell gefasst. In seiner Wohnung fand man eine Liste mit Namen von Politikern und Journalisten, die ebenfalls ermordet werden sollten. Auf der Liste stand auch der Name Nelson Mandela. Die Liste war von der Ehefrau des weißen Politikers erstellt, die Tatwaffe hatte er für Janusz Walus selbst besorgt.

Das Ehepaar, das dem rassistischen Milieu zugeordnet wurde, wollte mit dem Mord den Öffnungsprozess in Südafrika torpedieren. Tatsächlich geschah jedoch das Gegenteil. Die besonnenen und gemäßigten Köpfe auf den beiden Verhandlungsseiten erhielten durch das Attentat Auftrieb, und es konnte zu einem friedlichen Übergang in Südafrika kommen. Die Ehefrau von Dwerby Lewis wurde aus Mangel an Beweisen frei gesprochen. Er selbst und Janusz Walus sitzen noch heute im Gefängnis.

Autor: Patrick Schmelzer
   
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