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31.3.1971: Urteil im My Lai Prozess
Die Sonne ist gerade über dem südchinesischen Meer aufgegangen, als Hubschrauber der US-Armee die kleine Ortschaft My Lai überfliegen. Es ist der 16. März 1968. Soldaten der "Charlie Company" umzingeln das Dorf - auf der Suche nach Angehörigen der nordvietnamesischen Armee. Drei Stunden später sind die 500 Bewohner tot.

Der Armeefotograf Ron Haeberle begleitet die US-Soldaten unter Führung des 24-jährigen Leutnants William Calley und hält fest, wie sie Männer, Frauen und Babies ermorden, Tiere abschlachten, Brunnen vergiften, Häuser und Vorräte in Brand stecken. Haeberle liefert Aufnahmen, die später zur Aufklärung des Kriegsverbrechens mit beitragen werden.

Die 75-jährige Nordvietnamesin Fran Ha Thi Qui ist eine der wenigen Überlebenden von My Lai:

"Als die Amerikaner kamen, war mein Mann auf dem Reisfeld bei den Kühen. Ich war mit meinem Kind zuhause. (...) Plötzlich schossen sie wie wild um sich. Ich wurde angeschossen. Mein Kind war dabei. Die Kugel steckte in meinem Oberschenkel, und ich verlor für kurze Zeit das Bewusstsein. Sie zerrten mich weiter. Es tat weh. Ich sagte zu meinem Kind: 'Fleh um dein Leben, sonst schießen sie dich tot.' Er bettelte um sein Leben, doch ohne Erfolge. Sie erschossen ihn. Es war so grausam."

Den US-Militärbehörden unter der Nixon-Administration gelingt es, über ein Jahr lang die Ermordung der Dorfbewohner zu vertuschen. Erst im November 1969 erscheinen erste Fotos und Berichte in den US-Printmedien - allen voran in der New York Times. Die Vereinigten Staaten sind schockiert: US-Soldaten, Vorkämpfer für Freiheit und Demokratie gegen den Kommunismus, entlarvt als eine Bande von Massenmördern.

Jetzt melden sich immer mehr Männer der "Charlie Company" zu Wort, obwohl sie Gefahr laufen, selbst vor Gericht gestellt zu werden. Die Soldaten sprechen von einem Verbrechen, das nicht wieder gut zu machen sei, während Leutnant William Calley, meint: "Da war doch nichts dabei."

William Calley: "Eine der größten Tragödien seines Lebens sei es gewesen, Operationen ausgeführt zu haben für eine Sache, die er nicht kannte, keinerlei Vorstellungen gehabt zu haben, warum er tat, was er tat."

Die Armeeführung entschließt sich, den Drei-Sterne-General William Peers als Sonderermittler einzusetzen. In seinem Abschlussbericht beschreibt Peers detailliert und auf mehr als 20.000 Seiten das Bild einer maroden Militärführung. Viele Offiziere hatten um das Massaker gewusst, rührten sich aber nicht aus Sorge um die eigene Karriere - ein Gemisch aus Verachtung für die Opfer und zynischen Weltbildern. Skandalträchtig ist der Peers-Report aber auch deshalb, weil er belegt, dass die Geschehnisse in My Lai nicht die Ausnahme waren, sondern als die Regel.

Schließlich wird William Calley vor ein Kriegsgericht gestellt. Die Anklage lautet auf vorsätzlichem Mord an 102 Einwohnern des Dorfes My Lai durch eigene Hand oder von Männern, die seinem Befehl unterstanden. Sechs Militärschöffen verurteilen Calley am 31. März 1971 wegen vorsätzlichen Mordes zu lebenslanger Haft.

Doch der hochdekorierte Offizier erfährt breite Unterstützung, vor allem aus den Südstaaten der USA, von Militärs und Politikern, darunter auch der spätere Präsident Jimmy Carter. Über 10.000 Fanbriefe, Solidaritätsbekundungen der Bevölkerung bekunden, dass Calley vielen nur als Sündenbock für die Fehler der Militärs und der Regierung gilt. Schließlich wird hochdekorierte Soldat nach nur drei Jahren Haft von Präsident Nixon begnadigt.

Danach arbeitet der Calley als ein angesehener Bürger und gutbezahlter Geschäftsführer eines Juweliergeschäfts in Georgia. Und er bleibt der einzige seiner Einheit, der für das Massaker verurteilt wird. Dabei war My Lai keineswegs die Tat eines Einzelnen gewesen, etwa 80 Offiziere und Soldaten hatten sich an der Mordaktion beteiligt.

Glaubt man Meinungsumfragen, dann galt vielen US-Amerikanern Calley sogar als Held. Nicht das Vergessen der Verbrechen von My Lai in den Medien war der Skandal, sondern ihre Legitimation als notwendige, wenngleich "unschöne" Begleiterscheinung des Krieges in Indochina.

Autor: Michael Marek
   
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