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29.3.1933: UFA trennt sich von jüdischen Mitarbeitern
Goebbels: "Die Kunst ist frei, und die Kunst soll frei bleiben, allerdings muss sie sich an bestimmte Normen gewöhnen."

Worte aus dem Munde von Propagandaminister Joseph Goebbels, gesprochen kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung vor namhaften Vertretern der deutschen Filmindustrie. Schon bald ist klar, was Goebbels unter "Normen" versteht: die Kündigung jüdischer Mitarbeiter und politisch Andersdenkender.

Im Anschluss an seine Rede findet ein persönliches Gespräch zwischen Goebbels und Ludwig Klitzsch statt, dem Generaldirektor des mächtigsten deutschen Filmkonzerns, der Universum Film AG. Mochte Klitzsch in der Frage der jüdischen Mitarbeiter seines Unternehmens Skrupel haben oder nicht, auf jedem Fall war ihm bewusst, dass die Ufa sich von einem erheblichen Teil ihrer Künstler lösen musste.

Zitat: "Mit Rücksicht auf die infolge der nationalen Umwälzungen in Deutschland in den Vordergrund getretene Frage über die Weiterbeschäftigung von jüdischen Mitarbeitern und Angestellten in der Ufa beschließt der Vorstand grundsätzlich, dass nach Möglichkeit die Verträge mit jüdischen Mitarbeitern gelöst werden sollten."

So steht es in dem berühmt-berüchtigten Beschluss des Ufa-Vorstandes vom 29. März 1933. Damit war die Entlassung der jüdischen Mitarbeiter beschlossene Sache. Im Laufe einer Sitzungsstunde und auf wenigen Seiten Protokoll entledigte sich die Ufa-Direktion vieler ihrer besten Regisseure, Darsteller, Produzenten, Komponisten, Autoren und technischen Spezialisten. Darunter Erik Charell, der Regisseur des Erfolgsfilm "Der Kongress tanzt", Erich Pommer, Elisabeth Bergner, Conrad Veidt und Fritz Kortner.

Zwei Monate nach Hitlers Wahl zum Reichskanzler löste der größte deutsche Filmkonzern durch seinen Vorstandsbeschluss den zweiten großen Exodus deutscher Filmkünstler ins Ausland aus. Wie kein anderer hatte Propagandaminister Goebbels die kulturelle Bedeutung des Mediums Film erkannt. Mit Blick auf das Verhältnis von Kunst und Politik im besonderen erklärte er kurz vor dem Beschluss der Ufa im März 1933:

Goebbels: "Die Führer der nationalsozialistischen Bewegung sind selbst viel zu tief künstlerisch veranlagt, als dass sie glaubten, ein Parteiprogramm an sich kann die großen Erschütterungen, die die Kunst mit sich bringt, ersetzen. Wir wollen die Bühne nicht mit einem dramatisierten Parteiprogramm ersetzen. Unterhaltung, Spannung und Entspannung, Aktualität und Befriedigung der Tagesbedürfnisse können nicht ersetzt werden mit Gesinnung allein. Gesinnung ist gut, aber zur großen Gesinnung muss auch das hervorragende Können dazu kommen."

Im September 1933 wird die alte Filmkammer in die neugeschaffene Reichskulturkammer eingegliedert, die sämtliche Kulturgebiete umfasst, also auch den Film. Die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer ist für jeden Künstler Pflicht, sie allein gibt das Recht zur Berufsausübung. Das Gesetz hat zur Folge, dass dem NS-Regime missliebige Filmkünstler kurzerhand die Mitgliedschaft verweigert wird, was einem Berufsverbot gleichkommt.

Wie auch in anderen Bereichen der Wirtschaft enteignen die Nationalsozialisten Kapital und Produktionsmittel jüdischer Firmen. 5000 zumeist jüdische Filmschaffende und politisch Andersdenkende werden aus ihren Positionen gedrängt. Der Beschluss des Ufa-Vorstandes vom 29. März war damit eine Art vorauseilender Gehorsam.

Trotz des großen Exodus der Anfangsjahre bleiben dem deutschen Film viele Regisseure, Kameraleute und Schauspieler erhalten. Die meisten von ihnen lassen sich überaus erfolgreich in die Filmproduktion des NS-Staates integrieren. Die Gleichzeitigkeit von partieller Anpassung, äußerer Unterwerfung und innerer Emigration, dies zusammen verhilft dem NS-Regime zu einem professionellen und vielgestaltigen Erscheinungsbild - und ermöglicht der NSDAP ihre Herrschaft.

Dass sie sich damit auch in das NS-Regime verstricken, das wollen viele der Filmschaffenden nach 1945 offensichtlich nicht begreifen. Von einem Unrechts- oder Schuldbewusstsein keine Spur.

Autor: Michael Marek
   
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