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23.3.1964: Erste Welthandelskonferenz
Wirtschaftsminister Kurt Schmücker: "Auf dieser Konferenz wird zu sprechen sein über den Welthandel und über Entwicklungshilfe. Und uns liegt daran, den entwicklungsfähigen Ländern deutlich zu machen, dass sie ihre Politik nicht auf eine Hilfe beschränken sollen, sondern dass sie den Vorstoß wagen sollen in den Welthandel. Sie sollen sich auch klar darüber werden, dass die Unterstützung, die sie dringend notwendig haben und zu der wir verpflichtet sind, dass diese Unterstützung nur dann gegeben werden kann, wenn die Industrieländer sich weiter stark entwickeln."

Das sagte der damalige deutsche Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker zum Auftakt der ersten Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen am 23. März 1964. 1500 Delegierte aus 119 Nationen waren auf die bislang größte Wirtschaftskonferenz der Geschichte ins schweizerische Genf gereist.

Auf Anregung der Sowjetunion traf sich die Welt im Palast der Nationen. Es galt herauszufinden, wie die reichen Länder der Welt den armen Staaten unter die Arme greifen können. Im Vordergrund der Gespräche stand der Wunsch der 75 nach Europa gereisten Entwicklungsländer für ihre Rohstoffe auf dem Weltmarkt gerechte Preise zu erzielen. In den Jahren zuvor waren die Erlöse für diese Grundmaterialien kontinuierlich gefallen. Doch mit diesem Ansinnen bissen die Südländer bei den Nordlichtern auf Granit. Zwar könne man da eigentlich nicht sehr viel gegen sagen, so noch einmal Bundeswirtschaftsminister Schmücker,

"(...) aber es geht darum, dass man für die Grundstoffe einen garantierten Preis bekommen will und ebenfalls Garantien für den Absatz. Nun im Prinzip kann man nicht sehr viel dagegen sagen, aber eine solche Regelung kann man natürlich nicht administrativ durchführen. Die Bundesrepublik ist auf jeden Fall bereit, an der Stabilisierung des Rohstoffmarktes mitzuwirken, aber wir sind nicht bereit eine Weltplanung hier aufkommen zu lassen."

1964 - das war die Hochzeit des kalten Krieges und die damalige Sowjetunion mit ihrer Planwirtschaft eine ernstzunehmende Größe. Und in der Dritten Welt, wo halbe Kontinente die Kolonialzeit noch in frischer Erinnerung hatten, schien das sozialistische Wirtschaftsmodell verlockend. So hob der Westen in Genf mahnend den Fingen und warnte auf solche Umverteilungsbemühungen, wie Schmücker das nannte, hereinzufallen.

Kurt Schmücker: "Dann denke ich aber auch daran, dass diese Staaten sich klar darüber sein sollten, dass sie der freien Initiative eine gewisse Garantie geben müssen, denn die Aussichten eines Tages, um den Erfolg aller Bemühungen eines Tages betrogen zu werden, zu groß werden, dann ist natürlich auch die Lust des Einzelnen in dieses Risiko einzusteigen nicht mehr allzu erheblich."

Zu Einigungen über die Rohstoffpreise und -mengen kam es in Genf natürlich nicht. Genauso wenig konnte der Süden die Nordländer dazu bewegen, ihnen in gewissem Umfang Industriewaren abzukaufen, was Arbeitsplätze und damit Einkommen in den Entwicklungsländern bedeutet hätte.

Kurt Schmücker: "Was nun den Handel mit Halb- und Fertigwaren angeht, glauben wir, dass es ausreicht, wenn man gewisse Präferenzen gewährt."

Statt sich zu verpflichten, mit den armen Ländern gerechten Handel zu treiben, beschlossen die Delegierten "alles in ihren Kräften stehende zu tun, um die Grundlagen für eine bessere wirtschaftliche Ordnung auf der Welt zu legen". So etwas kostet nichts und ist damit den Wählern daheim auch viel besser zu verkaufen.

Einzig wirklich konkretes Ergebnis des 25 Millionen Franken teuren Treffens der Superlative war, solche Zusammenkünfte jetzt regelmäßig abzuhalten und dafür einen Handels- und Entwicklungsrat, die Unctad, zu schaffen. Gut 20 Jahre lang führte diese in Genf aus der Taufe gehobene Welthandelsorganisation der Vereinten Nationen ein Schattendasein.

Erst 1975 glückte der Unctad der Schritt ins Rampenlicht: Die führenden Wirtschaftsnationen haben gerade die Welthandelsorganisation WTO gegründet, um den Austausch von Waren und Dienstleistungen weiter zu liberalisieren. Die sogenannten Entwicklungsländer fühlten sich in der WTO von den großen Handelsmächten überrollt. In den Industrienationen wuchs die Angst, vor der Auslagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer. So ist die Unctad Forum geworden, um diese Ängste zu thematisieren. Mehr nicht.

Autorin: Gerda Gericke
   
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