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15.3.1990: Gorbatschow (wieder)gewählt
Reporterin: "Die Hand auf die sowjetische Verfassung gelegt, leistete Gorbatschow den Amtseid: 'Ich schwöre, den Völkern unseres Landes treu zu dienen, die Verfassung der UdSSR strikt einzuhalten. Die Rechte und Freiheiten der Bürger zu garantieren, die mir auferlegten Pflichten gewissenhaft zu erfüllen.'"

Unwissende Beobachter könnten angesichts dieser Situation meinen, Michail Sergejewitsch Gorbatschow sei nun auf dem Höhepunkt seiner Macht. Gorbatschow ist seit diesem Märztag Präsident der Sowjetunion und mächtiger als alle seine Vorgänger. Doch diese Macht besitzt er nur auf dem Papier. Der Mann, der fünf Jahre zuvor überraschend an die Spitze der KPdSU gewählt wurde, hat viele Gegner.

Reporterin: "Michail Gorbatschow ist nun Präsident, aber rechte Freude will nicht aufkommen. Das Ergebnis war mit 59 Prozent aller Deputierten mehr als knapp und die harte, oft auch sehr persönliche Kritik hat selbst manchen seiner Gegner erschüttert. Das neue Präsidentenamt gibt Gorbatschow mehr Möglichkeiten, seine Reformen in die Tat umzusetzen. Er muss sich damit beeilen, denn der Druck wächst."

Als Gorbatschow 1985 an die Macht kam, begann er mit einschneidenden Reformen. Die Ergebnisse dieser gewaltigen Veränderungen drohen ihn nun fünf Jahre später selbst zu überrollen.

1985 wählt das Politbüro Gorbatschow an die Spitze ihrer Partei. Der neue Mann im Moskauer Kreml weiß, dass die einst so ruhmreiche Sowjetunion am Rande der Abgrunds steht. Energisch beginnt er mit Reformen in der Innen- und Wirtschaftpolitik. Zwei zentrale Begriffe machen Karriere: Glasnost und Perestroika.

Glasnost steht für eine neue Offenheit. Erstmals in der Geschichte der Sowjetunion berichten nun Medien kritisch über die Zeit des Stalinismus. Regimekritiker werden aus der Haft entlassen und in Moskau darf demonstriert werden. Perestroika steht für eine neue Wirtschaftspolitik. Gorbatschow will einen Feldzug gegen Korruption, Schlendrian und Trunksucht führen. Er möchte in die Planwirtschaft zunehmend marktwirtschaftliche Elemente einführen.

Um all das zu finanzieren, verhandelt er mit US-Präsident Reagan. Gorbatschow will abrüsten und so Geld sparen. Er möchte auch Rüstungsausgaben einsparen. Mehrfach verhandelt er darüber mit US-Präsident Reagan. Im Ausland machen Glasnost und Perestroika Karriere. Der Westen horcht auf, und in der DDR heißt von der Sowjetunion lernen plötzlich nicht mehr siegen lernen.

Im eigenen Land wächst die Kritik am Präsidenten. Altkommunisten sehen in ihm den Schuldigen für den Machtverlust der Sowjetunion. Als Gorbatschow 1985 antrat, kontrollierte die UdSSR die Hälfte Europas. Nun, fünf Jahre später, springen mehr und mehr Länder des Warschauer Vertrages ab. Das Gebiet der DDR tritt der Bundesrepublik und somit der NATO bei, die eigenen Sowjetrepubliken planen ihre Unabhängigkeit.

Im August 1991 erholt sich Gorbatschow am Schwarzen Meer auf der Insel Krim. In Moskau putschen seine Gegner. Ein Reporter berichtet:

"Janajew in aggressiver Haltung auf dem Pult. Dann die Fragen: 'Wo ist Gorbatschow?' Antwort: 'Auf der Krim. Er ist sehr müde, er stellt seine Gesundheit wieder her, wir hoffen, dass er danach wieder zur Erfüllung seines Amtes zurückkehren wird.' Janajew verrät weder, wo sich Gorbatschow auf der Krim aufhält, noch was seine Krankheit ist, die einen Ausnahmezustand ausgelöst hat."

Gorbatschow widersetzt sich auf der Krim einem Ultimatum, er will nicht zurücktreten. Es herrscht Ausnahmezustand. Die Menschen in Moskau machen sich ernsthafte Sorgen.

Umfrage: "Ein Staatsstreich. Es herrscht Ausnahmezustand. Die Kommunisten haben wieder die Macht übernommen. Schrecklich. Gorbatschow war im Urlaub auf der Krim. Da haben sie ihn gestürzt. Nun sagen sie, er müsse aus gesundheitlichen Gründen dort bleiben. Im Radio hieß es, dass dem Rowdytum ein Ende gesetzt werden soll. Stellen Sie sich das einmal vor, Gorbatschow haben sie einen Abenteurer genannt."

Nach drei Tagen ist der Putsch geschlagen. Es gibt einen neuen starken Mann in Moskau: Boris Jelzin. Der russische Präsident brachte die Soldaten auf seine Seite. Gorbatschow kehrte noch einmal nach Moskau zurück. Die Macht hat er bereits an Jelzin verloren. Immer mehr Teilstaaten drängen aus der Union heraus. Am 25. Dezember hört die Sowjetunion auf zu existieren, an ihre Stelle tritt die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Gorbatschow räumt auf Druck von Jelzin seinen Präsidentenstuhl. Wenn man gehen muss, dann muss man gehen, sagte er zum Abschied.

Gorbatschow: "Die Linie hin zur Teilung des Landes hat gesiegt, und damit kann ich mich nicht einverstanden erklären."

Autor: Gábor Halász
   
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