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14.2.1950: Chinesisch-sowjetischer Freundschaftsvertrag
Es muss einer der längsten Staatsbesuche des 20. Jahrhunderts gewesen sein. Zwei Monate verbringt Mao Tse-tung in Moskau. Am ersten Oktober 1949 hat er die Volksrepublik China proklamiert, und schon im Dezember reist er zu Stalin, um ein Bündnis auszuhandeln.

China liegt nach dem Zweiten Weltkrieg und dem anschließenden Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und der nationalistischen Guomindang unter Chiang Kaishek wirtschaftlich am Boden, sieht sich militärisch von den USA bedroht. Der kommunistische Bruder soll helfen. Doch Stalin zögert, will die US-Amerikaner nicht provozieren. Erst als er erkennt, dass die USA sich heraushalten werden, ändert er seine Meinung:

Dieter Heinzig: "Das hat dann den Durchbruch auch in den Verhandlungen erzwungen. Das war am 1. oder 2. Januar 1950, während bis dahin Stalin Mao eben mehrere Wochen lang nicht einmal empfangen hat zu einem Gespräch über den Vertrag, so dass Mao dann mit Abreise gedroht hat, wohl wissend, dass die Ausbrüche, die er sich damals geleistet hat - er hat zum Beispiel gesagt: 'ich bin offenbar hier nur dazu da zu essen, zu trinken und zu scheißen' -, dass dieses abgehört wird von der sowjetischen Seite, wohl wissend!"

Der Historiker Dieter Heinzig sieht noch einen Grund für Stalins Unwillen: Erst 1945 hat er nämlich einen Vertrag mit der nationalistischen Guomindang-Partei geschlossen. Darin sind alte russische Privilegien in der Mandschurei, also Nordostchina, auf Jahrzehnte festgeschrieben: Ein Marinestützpunkt, die Beteiligung an einer Eisenbahnlinie und ein Freihafen.

Solche kolonialen Vorrechte kann er dem kommunistischen Bruder gegenüber nicht mehr durchsetzen. Überhaupt hat Stalin seit den 1920er Jahren immer die Guomindang unterstützt in China. Schon damals zwang er die Kommunisten, mit der Guomindang zusammenzuarbeiten.

Dieter Heinzig: "Und während des Zweiten Weltkrieges hat er wieder die chinesischen Kommunisten gezwungen, gemeinsam mit der Guomindang gegen Japan zu kämpfen, aber die Waffen gingen fast nur an die Guomindang. Und das war auch irritierend für die sowjetischen Militärberater, die damals nach China geschickt wurden; die hatten auch gedacht, etwas naiv, sie müssten jetzt eigentlich den chinesischen Genossen zu Hilfe kommen. Aber nein, da gibt es autobiografische Berichte inzwischen, Stalin hat ihnen klargemacht: Hier geht es um das sowjetische Interesse."

1950 hat sich seine Einstellung nicht geändert. Im Westen reagieren die Kalten Krieger erschrocken auf die Annäherung der beiden kommunistischen Großmächte, prophezeien bald einen Dominoeffekt, der ganz Asien unter die Herrschaft der kommunistischen Ideologie bringen wird. Nichts sei falscher als das, um Ideologie sei es nur am Rande zwischen Stalin und Mao gegangen, meint Dieter Heinzig.

Dieter Heinzig: "Ich habe erwartet, nachdem ich Zugang hatte zu einigen dieser Protokolle, ich würde vielleicht einen ideologischen Disput über den Weg zum Kommunismus erwarten können. Überhaupt keine Rede davon gewesen! Beide, Mao und auch Stalin, waren Vertreter der nationalen Interessen ihrer Staaten und unterschieden sich nicht wesentlich von früheren Führern dieser Staaten."

Die Interessengegensätze werden schnell größer als die Gemeinsamkeiten. 1960 zieht die Sowjetunion alle Berater aus China zurück, 1969 wird ein Grenz-Streit sogar mit Waffen ausgetragen. Doch die Zeit davor, die 1950er Jahre, sind das goldene Jahrzehnt der sowjetisch-chinesischen Freundschaft. 15.000 Chinesen werden in der Sowjetunion ausgebildet, 747 sowjetische Filme gibt es in China zu sehen, Zuschauerzahl: zwei Milliarden. Nie hat ein ausländischer Staat kulturell wie technisch so viel Einfluss auf China gehabt.

Im Nachhinein blickt mancher nostalgisch auf die Jahre der Freundschaft zurück:

Dieter Heinzig: "Die sowjetischen Berater, mit denen ich gesprochen habe, ich bin auch mit einigen befreundet und habe eine ganze Menge Interna erfahren können, die fanden also China großartig. Die Bezahlung lag (das war übrigens auch eine Kontroverse bei den Verhandlungen, wie die bezahlt werden sollten) weit über den Spitzengehältern in China. Und sie konnten sich einfach alles leisten! Und die Chinesen hatten ja auch nicht so radikal sozialisiert, damals in den 50er Jahren zumindest nicht, wie es die sowjetischen Kommunisten gemacht haben. Es gab noch Handwerker; ein sowjetischer Berater hat gesagt: 'Da ging ich einfach in eins dieser kleinen Geschäfte, und da konnte ich drauf warten, dass die Uhr repariert wurde. In der Sowjetunion hätte das drei Monate gedauert, oder sechs Monate!'"

Autor: Thomas Bärthlein
   
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