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15.1.1776: "Ab nach Kassel"
"Ich gestehe, dass ich niemals an den gegenwärtigen Krieg in Amerika denke, ohne von der Gier einiger deutscher Fürsten unangenehm berührt zu sein, welche ihre Truppen einer sie gar nichts angehenden Sache opfern. Ich nehme mir die Freiheit zu bemerken, dass - wenn sie dieselbigen an Großbritannien vermieteten Truppen nach England gelangen lassen wollen - sie durchaus es nicht nötig haben, sie durch meine Staaten passieren zu lassen." Dies schrieb der preußische König, Friedrich der Große, in einem Brief an seinen Neffen, den Markgrafen von Ansbach-Bayreuth. Mit der "Gier einiger deutscher Fürsten" meinte der Preußenkönig freilich vor allem einen, den Markgrafen von Hessen-Kassel, der wie er selbst Friedrich II. hieß.

Zwangsrekrutiert gen Kassel

Am 15. Januar 1776 schloss Markgraf Friedrich II. nämlich einen Vertrag mit dem britischen König George III., der ihn verpflichtete, 17.000 hessische Soldaten als Söldner der britischen Krone zur Verfügung zu stellen. George benötigte die Truppen dringend zur Niederschlagung der Rebellion in den nordamerikanischen Kolonien.

Er zahlte dem nordhessischen Potentaten 450.000 Taler dafür. Die wehrfähigen jungen Männer der Markgrafschaft wurden einfach zwangsrekrutiert und von der Straße weg in die Residenzstadt Kassel gebracht. Zu Lande ging es dann zunächst nach Karlshafen an der Weser, dann per Schiff nach Bremen und von dort aus nach New York. "Ab nach Kassel" wurde seither zum geflügelten Wort in ganz Deutschland.

Opfer für Landesherrn und leere Kassen

Der moralischen Kritik an dieser Art Leih-Sklaventum, wie sie auch aus dem Schreiben des Preußenkönigs heraus zu hören ist, setzte ein markgräflicher Minister den nüchternen Satz entgegen: "Sobald indessen diese Menschen das Geld in unser armes Land fließen sehen werden, dann werden sie und die ganze Welt entzückt sein und erkennen, dass das Militär auch den allerschlimmsten Feind besiegt hat - unsere Schulden nämlich!"

In der Tat waren die Söldner in fremden Diensten hilfreiche Opfer für ihre Landesherren und deren leere Kassen. Die Landstände hatten nichts gegen die Truppenvermietung an das Ausland einzuwenden, denn wichtig war allein das Geld; in Hessen sogar weniger für den Merkgrafen persönlich als für die Staatsfinanzen im Allgemeinen. Denn Hessen, ein armes und überbevölkertes Land, hielt sich eine zu große Armee. Dadurch waren finanzielle Probleme in ganz anderen Dimensionen entstanden als durch den Luxus des Kasseler Hofes, durch den die Bürger der Stadt Kassel auch bis zu einem gewissen Grade profitierten.

Noch heute kann man die prächtigen Schlösser und Parkanlagen Kassels bewundern. Bauten und Heereslieferungen sorgten für einen wirtschaftlichen Boom des bürgerlichen Gewerbes und der Banken. Das damals noch unbekannte Bankhaus Rothschild verdankt seinen Aufstieg zu einem der berühmtesten Geldinstitute der Welt übrigens durch den reichlich fließenden Talern aus dem Kasseler Söldnergeschäft mit Großbritannien.

Die Briten selbst waren nicht einhellig begeistert davon, dass die Sache Großbritanniens in Amerika auch von deutschen Söldnern ausgefochten werden sollte, denn die insgesamt 30.000 Söldner aus deutschen Landen zogen nicht gerade fröhlich singend "ab nach Kassel" und dann in den Krieg ins ferne Amerika. Dennoch blieben nach dem Krieg 12.000 von ihnen in der Neuen Welt.

Kritik im Drama

Die schärfste Kritik am Soldatenverkauf deutscher Fürsten findet sich bei Friedrich Schiller. In seinem Drama "Kabale und Liebe" kommt es in der zweiten Szene des zweiten Aktes zu einem Dialog zwischen der Lady und einem Kammerdiener, der selbst mehrere Söhne unter den Söldnern in Amerika hat. Auf die besorgte Frage der Lady, ob sie sich denn alle freiwillig gemeldet hätten, antwortet der Kammerdiener mit sarkastischem Lachen: "Oh Gott, nein, lauter Freiwillige! Es traten wohl etliche vorlaute Bursch vor die Front heraus und fragten den Obersten, wie teuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe. Aber unser gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster spritzen und die ganze Armee schrie: 'Juchhee! Juchhee! Nach Amerika!'"


Autor: Ewald Rose
 
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