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29.12.1890: Massaker am Wounded Knee
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"Take every possible precaution to prevent anIndian outbreak, and to suppress it promply if it comes."

Präsident Harrison hatte der Armee klare Anweisungen gegeben am 1. Dezember 1890. General Miles führt diesen Befehl nur allzu gerne aus und versammelt innerhalb weniger Tage eine gewaltige Streitmacht an den Grenzen der Sioux-Indianer Reservate im Dakota Territory. Die Erinnerung bei der Armee an die Niederlage von General Custer gegen die Indianer liegt nur wenige Jahre zurück und in den Reihen der Armee brodelt der Unmut über die vermeintliche Gnade, die man dem Indianerhäuptling Sitting Bull erwiesen hat, in dem man auf seine Verhaftung bislang verzichtet hat.

Die Stimmung ist aufgeheizt. Aufgeheizt durch Berichte über die Geistertanz-Bewegung, die sich bei den verschiedenen Stämmen zunehmender Beliebtheit erfreut. Der Schamane Wovoka verkündet seit Monaten: "Die Bisons werden zurückkehren, unsere Brüder kehren zurück von den Toten, und der weiße Mann wird endgültig besiegt werden."

Doch in den Reservaten gibt es unter den Indianern auch Agenten. Sie melden den neuen Kult an die zuständigen Militärbehörden: Ein Aufstand stehe unmittelbar bevor. 1885 hatte man entsprechende Bericht lange ignoriert und der Ausbruch von rund 100 Apachen unter Geronimo führte damals zur teuersten Menschenjagd der gesamten Indianerkriege. Diesmal wollte man von Anfang an Flagge zeigen. Die Aufregung ist allerdings maßlos übertrieben, den Sioux mangelt es an Kämpfern und, noch wichtiger, vor allem an Waffen.

Dennoch: von überall werden Truppenverbände in Marsch gesetzt, um eventuelle Aufstände im Keim zu ersticken. Die Gerüchte über den legendären Häuptling Sitting Bull und seine Vorbereitungen zum Krieg gegen die Weißen lassen die Situation weiter eskalieren. Sitting Bull soll verhaftete werden. Die Reservatspolizei greift ein und will am 15. Dezember 1890 den Häuptling, der gegen Custer kämpfte festnehmen.

Stattdessen aber kommt es zu einem Handgemenge, bei dem tödliche Schüsse auf Sitting Bull fallen. Die Sioux sind bestürzt und panisch. Viele wollen ihr Reservat verlassen und in das ruhigere Oglala-Gebiet in Pine Ridge ziehen. Doch die Armee sagt Nein. Rund 350 Angehörigen der Minneconjous und Hunkpapas unter ihrem Anführer Big Foot gelingt es trotzdem sich auf den Weg zu machen.

Am 21. Dezember werden sie eingefangen. Die Männer, Frauen und Kinder erklären sich zunächst bereit zur Cheyenne River Reservation zurückzukehren. Zwei Tage später brechen sie jedoch wieder in Richtung Pine Ridge auf. Am 28. Dezember wird Big Foot von der 7.Kavallerie unter Major Whitside gestellt. Dieser erkennt schnell den eher erbärmlichen Zustand der Indianer und verzichtet auf die angeordnete Härte. Stattdessen verteilt er Medikamente und wartet auf die Ankunft des Kommandeurs Colonel Forsythe.

Am Morgen des 29. Dezembers 1890 nimmt das Schicksal seinen Lauf. Forsythe befiehlt die sofortige Herausgabe aller Waffen. Widerwillig werden einige alte Jagdflinten abgegeben. Wütend ordnet der Kommandeur eine Durchsuchung der Indianerzelte an. Plötzlich beginnt ein Ghostdancer an zu tanzen. Voller Ehrfurcht starren seine Stammesbrüder auf ihn und verweigern die weitere Herausgabe irgendwelcher Waffen.

Ein Handgemenge, ein Schuss. Sofort eröffnen die Soldaten das Feuer. Die Indianer fliehen, Stunden vergehen, bis die Soldaten das Feuer einstellen. Am Rande des Camps waren bereits Tage zuvor Hotchkiss-Kanonen in Stellung gebracht worden. Was als letzte große Auseinandersetzung zwischen US-Army und Indianern als Battle of the Wounded Knee Creek in die Geschichte eingehen wird, war in Wirklichkeit keine Schlacht, sondern ein Massaker.

Die Leichen der getöteten Indianer werden nach Tagen im Umkreis von fast zehn Kilometern gefunden, grässlich verstümmelt. Bilanz am 3. Januar 1891: 250 tote Indianer, in der Mehrzahl Frauen und Kinder. Sie werden verscharrt in einem Massengrab.

Bis zum heutigen Tag kämpfen die Nachfahren der damaligen Überlebenden darum, dass Wort "battle" endlich durch "massacre" in den US-amerikanischen Geschichtsbüchern zu ersetzen. Auch bei der Besetzung des Wounded Knee Memorials 1973 forderten die Indianer Gerechtigkeit und wieder kam es zu Gewalt. So hat das Wort vom Wounded Knee bis heute seinen mahnenden Charakter nicht verloren.

Autor: Jens Teschke
   
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