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26.12.1991: Erste freie Parlamentswahlen in Algerien
Sie markierten einen einschneidenden politischen Wendepunkt in der Geschichte Algeriens - die ersten freien Parlamentswahlen vom Dezember 1991. Und sie endeten mit einem Fiasko für die bis dahin regierende Einheitspartei der Nationalen Befreiungsfront FLN. Im ersten Wahlgang konnte sie nur 15 von insgesamt 430 Sitzen auf sich vereinigen. Mit diesem mageren Ergebnis musste sie sogar der "Sozialistischen Berberfront" FFS den Vortritt lassen, die mit 25 Abgeordnetensitzen den zweiten Rang belegte.

Als strahlender Wahlsieger präsentierte sich dagegen die radikale islamische Heilsfront FIS. Mit insgesamt 187 Mandaten hatte sie bereits im ersten Durchgang die Parlamentswahlen so gut wie gewonnen. Politisches Kapital hatten die Islamiten vor allem aus der jahrzehntelangen Misswirtschaft der FLN und der sozialen Misere des Landes geschlagen. Der Vorsitzende der FFS, Hocine Ait Ahmad, nennt die Gründe für die wachsende Popularität der Islamiten - nicht nur in Algerien, sondern in der gesamten arabischen Welt:

Ait Ahmad: "In allen muslimischen Ländern hängt das Aufkommen des Fundamentalismus mit den allgemein schlechten Lebensbedingungen zusammen: dem Wohnungsmangel, dem Ausschluss der Bevölkerung von der Politik und dem Scheitern der Wirtschaftsprogramme der Regierung. Kurz: dem Vakuum in der Politik, das schnell ausgefüllt wird durch die Moscheen, wo die Jugendlichen hingehen und ihre Frustrationen ausdrücken können."

Kein Wunder, dass bei einer Arbeitslosigkeit von 25 Prozent, überhöhter Lebensmittelpreise und grassierender Korruption unter Algeriens Eliten vor allem die jugendlichen Wähler der FIS scharenweise in die Arme liefen. Einer fundamentalistischen Bewegung, die bereits im September 1989 als politische Partei zugelassen wurde und sich die Errichtung einer streng islamischen Gesellschaftsordnung auf Grundlage der Sharia - des islamischen Rechts - auf die Fahnen geschrieben hat.

Als die FIS bereits bei den algerischen Kommunalwahlen im Juni 1990 einen überwältigenden Sieg erringen konnte, ging die Staatsmacht mit harter Hand gegen die Islamiten vor: Ein Jahr darauf stürmte das Militär die Parteizentrale der Heilsfront in Algier und nahm deren Führer Abassi Madani und Ali Belhadsch fest. Repressalien, die sich als wirkungslos erweisen sollten, meint der französische Islamexperte Gilles Kepel.

Gilles Kepel: "Im Juni 1991 wurde die FIS zur Zielscheibe gewaltsamer Repressionen durch den Staat. Aufgrund des politischen Vakuums hat diese Bewegung in den Stadtvierteln eine bedeutsame soziale Solidaritätsarbeit geleistet und dort eine starke Reislamisierung vollzogen. (...) Die FIS hat daraufhin die Wahlen mit absoluter Mehrheit gewonnen. Sie hatte dann jedoch das Problem, die nächste Stufe zu nehmen, d.h. die Macht im Staat zu erobern. Und als sie dies mit Mitteln des Aufstandes zu erreichen versuchte, hat die Armee schließlich interveniert und die FIS zerschlagen."

Die Armee nahm im Konflikt mit den Islamiten eine Schlüsselrolle ein. Sie wandte sich strikt gegen jegliche Form der Regierungsbeteiligung durch die FIS. Als der algerische Präsident Schadli Bendschedid der FIS seine Zusammenarbeit für den Fall eines Wahlsiegs der Islamiten anbot, machten die Militärs kurzen Prozess: Nur wenige Wochen nach den Parlamentswahlen wurde Bendschedid von der Armee zum Rücktritt gedrängt. Der algerische Journalist Farid Aichoune erinnert sich:

Aichoune: "Bendschedid hatte nicht von selbst sein Amt aufgegeben. Das war praktisch ein verfassungsmäßiger Staatsstreich, der damals in Algerien stattfand. Die Armee hat sich 1991 schon einmal dem Willen Bendschedids widersetzt, als Premierminister Hamrouche den Ausnahmezustand verkündete. Sie hat dann wieder eingegriffen, als die FIS zum Generalstreik aufrief, um vorgezogene Präsidentenwahlen zu erwirken. In dieser Zeit ist innerhalb der Armeeführung die Entscheidung gefallen, Schadli Bendschedid auf diskrete Art und Weise abzuservieren. Man war sich damals einig, ihn über kurz oder lang abzusetzen."

Der Rücktritt Bendschedids im Januar 1992 ebnete den Militärs schließlich den Weg zur Macht: Die Armee ließ Panzer in der algerischen Hauptstadt auffahren, um die Regierungsgebäude zu überwachen. Und der von ihr eingesetzte Staatsrat verkündete die Aussetzung der zweiten Runde der Parlamentswahlen, der den Islamiten der FIS wahrscheinlich einen weiteren Sieg beschert und damit die Regierungsübernahme gesichert hätte. Damit waren die Weichen für einen jahrelangen bewaffneten Konflikt gestellt, der das krisengeschüttelte Algerien noch bis heute in Atem hält.

Manuskript: Arian Fariborz
   
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